Amazon, Corona, meine Mutter und ich

Kurzversion:

Was habe ich doch geschimpft gegen Amazon! Datenkrake, Ladenmörder, Umweltvernichter! Niemals wollte ich mich anmelden. Amazon? Nein, danke.

Doch dann kam Corona.

Meine Mutter lebt in Österreich, ich in Berlin. Sie ging nicht mehr aus dem Haus, aus Angst vor dem Covid-19 Virus. Ich musste ihr helfen. Erst suchte ich nach Bio Lieferdiensten in ihrer Region. Aber das war alles so kompliziert. Schwere Lebensmittelkisten, die einfach vor der Garage abgestellt wurden. Ein Bringdienst, per Fax wollte er das Formular für Bankeinzug haben. Freiwillige Jugendliche gingen einkaufen, die von BILLA Glutamat-Orgien anschleppten … Tiefkühlbaguette, belegt mit Schmelzkäse und Pökelschinken zum Aufbacken. Das ist tödlicher, als jedes Virus.

Amazon hingegen war unkompliziert, schnell, pünktlich und zuverlässig. Bankeinzug auf Knopfdruck, Beschwerdemanagement tadellos. Waren in bester Qualität, vom Zusteller direkt an die Wohnungstüre gebracht.

Auf Amazon bekommt man fast alles! Glutenfreies Bio Haferbrot, frisch gebacken vor dem Versand. Bio Mango getrocknet in höchster Qualität und indische Flohsamenschalen. Bierhefeflocken und Kombucha unpasteurisiert, Sauerkraut und Petersiliensaft, Hanfmilch und Gerstengras … Es ist unglaublich, wie effizient Amazon den Einzelhandel voran bringt. Jede noch so kleine Bioklitsche westlich von Hameln bis südlich von Rostock bekommt seine eigene Logistik. Sogar der Biobäcker von Bad Schandau betreibt flutschenden Versand.

Alle Händler folgen brav den strengen Richtlinien von Amazon, mit dem großen Bruder will sich niemand anlegen. Niemand will gebrandmarkt werden vom größten Versandhandel der Welt. Mein bester Freund Roland will ja auch gerne König von Deutschland werden. Er will die Umwelt retten. Mit Demokratie kommt man nicht weiter, glaubt er, da denken alle nur an sich selbst. Nur durch eine starke Hand von oben kommt die Welt wieder auf die saubere Bahn, witzelt er gern mit schiefem Grinsen.

Sauerstoff mit Maske, Ubiquinol, Vitamin-B Komplex, Leucin und Doppelherz Vitamin C + D werden meiner Mama heute zugestellt. Sie wurde leider krank und in ein sehr schlechtes Sanatorium gesteckt, von einer Erwachsenenvertreterin, die entweder korrupt ist oder verrückt. Ich habe Besuchsverbot in diesem miesen Pflegeschuppen. Aber Amazon Päckchen kommen durch. Der Prime-Versand vom Amazon Lager zur Rezeption des Sanatoriums ist schneller als der Praktikant, der meiner Mutter ihre Päckchen in ihr Zimmer bringt.

Amazon rettet meine Mutter. MCT Öl Kapseln bekam sie vergangene Woche, für NADH Rapid habe ich ihr ein Abo gebucht. Kräuterblut kam superpünktlich, und sogar der nordische Heidelbeersaft wurde rasch geliefert. Der Sanatoriumsküche werden regelmäßig angekeimte Bio Haferflocken für Mamas Frühstück zugestellt.

Dank Amazon geht auch nichts verloren, denn Mama wird stundenaktuell von mir auf dem Laufenden gehalten über die Zustellung ihrer Päckchen. Wenn ich ihr grünes Licht gebe, Ankunft und Empfangsperson mit Namen mitteile, ruft sie gleich an bei der Rezeption und fragt nach. Bisher ging kein einziges Paket verloren.

Mein Liebster findet meine Amazon-Orgien überhaupt nicht gut. Er ist unglaublich belesen, weltklug und gesellschaftskritisch. Historisch konnte er mir den Genozid des Buchhandels nachweisen, den Amazon in seinen früheren Jahren betrieben hat.
Mir ist das seit Corona egal. Jeff Bezos rettet meine Mutter. Auf Amazon gibt es Bio Putenwürstchen im Glas und Tiroler Bio Bockshornkleekäse. Dafür darf er gern die Welt regieren, finde ich.
Nur verderbliche Frischware finde ich keine auf Amazon. Demetermilch, Bio Birnen und Blattspinat lasse ich für meine Mama vor Ort einkaufen, von Covid-19 Freiwilligen aus der Region. Warum sie nicht gleich alles im Laden kaufen? Weil niemand versteht, warum meine kranke Mama unbedingt angekeimte Haferflocken braucht.

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