Gesunde Bio Ernährung mit Bürgergeld?

Wie viel kostet Bio Nahrung?

Kurzversion:

Bio Ernährung bei Grundsicherung – geht das? Meine Sozialkontakte glauben es nicht. Doch Selbstversuche in den Medien beweisen: Bio Ernährung mit Grundsicherung ist möglich. Wird es auch mir gelingen, meinen Kern-gesunden Bio Lebensstil zu finanzieren – mit dem Budget des Bürgergeld 2024?

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Bio Ernährung in Deutschland bei Bürgergeld oder Sozialhilfe? Meine Freundinnen und Freunde bezweifeln, man könne bei Grundsicherung in Bio Qualität leben. Simon* hat mich darauf gebracht. Er ist Sozialarbeiter. Bio mit Hartz IV? Simon schüttelt den Kopf. Das schafft niemand! Simon ernährt sich auch nicht bio.
Ich erzähle davon Gitte* aus Berlin. Nä! ruft sie. Dit jeht nüscht. Gloob ick nüscht. Gitte arbeitet im Gesundheitsbereich, sie ist festangestellt. Manchmal kauft sie Bio Lebensmittel, aber eher selten.

Isa* handelt mit Bio Waren auf Ökomärkten, sie ernährt sich und ihre Familie rein biologisch. Ich glaube nicht, dass ich Kunden habe, die Bürgergeld bekommen, sinniert sie. Die meisten ihrer Verkäufe tätigt sie mit StammkundInnen. Viele bezahlen mit ihrem Smartphone über PayPal. Besitzen Hartz-IV-EmpfängerInnen etwa keine Smartphones?
Waltraud* ist schon in Rente. Beamtin war sie gewesen UND verheiratet, erzählt sie stolz. Ihre finanzielle Situation sei sehr gut, findet sie. Sie kann sich Bio leisten. Aber Bio sei nur für die Elite. Jemand mit Bürgergeld könne da nicht teilnehmen, das ist viel zu teuer, ist sie überzeugt.

Könnten die Vorstellungen meiner FreundInnen Sozialklischees sein?

Bio-Parklet in Berlin-Kreuzberg im Januar 2024, ein Nachbarschaftsprojekt. Demeter Winterweizen keimt sogar bei Minusgraden. Aus Bio Weizengras wird Superfood, reich an Chlorophyll.

Analyse versus Suggestion

Projizieren wir unsere eigenen Lebensumstände auf Menschen, von denen wir annehmen, sie würden in der gesellschaftlichen Hierarchie unter uns stehen? Wenn ich nicht bio lebe, sollst du es erst recht nicht können … Interpretieren wir Bio als Statussymbol, das unzugänglich bleibt für jene, die von Bürgergeld leben? Akzeptieren wiederum Menschen ohne feste Arbeit ihren scheinbar zugewiesenen Platz, ohne ihn jemals zu hinterfragen?

Helmut* untermauert meine Ahnung. Wer so engagiert ist wie du für Bio, der braucht kein Bürgergeld, glaubt er. Er ist schon in Rente. Nach wie vor jobbt er auf Ökomärkten. Zu Hause herumsitzen ist nicht sein Ding. Bürgergeld-EmpfängerInnen traut er nichts zu. Schon mehrfach wollte er Freunde auf Grundsicherung dazu ermutigen, sich frisches Grünzeug zu holen auf Ökomärkten im Sommer. Regionale Biobauern lassen viel übrig – kistenweise. Doch niemand interessiert sich dafür, erzählt Helmut. Die Leute sind bequem, glaubt er. Die machen nur, was einfach ist. Die gehen in den Supermarkt und gut. Arbeit gäbe es genug, findet er. Er hat ja auch noch etwas gefunden, das zu ihm passt. Aber da musste den Allerwertesten hochbekommen!

Wahrheit oder Klischee? Verläuft eine Bürgergeld-Mauer durch die deutsche Gesellschaft? Schwer zu glauben – immerhin könnte jeder Mensch in Deutschland einmal in die Situation kommen, Bürgergeld zu brauchen. Einstieg, Umstieg, Ausstieg? Ist Bürgergeld eine Einbahnstraße, die ins Nichts führt?

Der Preis für Bio Nahrung

Walter* ist Ingenieur in Festanstellung. Er geht die Frage “Bio mit Bürgergeld” analytisch an: “Rechnen wir mal rund zweihundert Euro pro Monat, geteilt durch dreissig, macht etwa 6,66 Euro pro Tag. Bei Alnatura wird das schwierig. Oft kauft Walter ein im größten Bioshop von seinem Kiez. Was bekommt er da für sechseinhalb Euro? Gestern gab es ein Kilo Paprika stark ermäßigt für sechs Euro, erinnert sich Walter. Ein Kilo Bio Brot kostet ungefähr fünf Euro, da ist dann aber noch nichts drauf. Mit Schnäppchensuche und Spaghetti könnte es klappen, glaubt er. Besonders attraktiv erscheint ihm so eine Ernährungform nicht.

Was sagt die Politik zu Bio Ernährung mit Bürgergeld? Die taz publizierte über Ernährungsarmut. Zusammenfassender Tenor der gefragten Ministerien: Gesunde Ernährung, auch bei kleinen Budgets, sei abhängig vom Wissen über gesunde Nahrungsmittel und deren Zubereitung. Nur hier sieht die Politik Defizite. Nicht beim Geld, sondern beim Können.

Gilt dieses Defizit nicht für alle Einkommensverhältnisse in Deutschland?

Matthias* ist bildender Künstler. Ab und zu verdient er viel Geld, das reicht dann für mehrere Wochen oder sogar Monate. Er ernährt sich ausschließlich in Bio Qualität. Matthias kocht gern und oft. In seinen Küchenschränken stehen sorgfältig sortiert und beschriftet Einmalgläser, gefüllt mit Linsen, Körnern, Kernen und Gewürzen. Zum Schutz vor Motten stehen die Gläser kopfüber.

Fleisch verzehrt Matthias gar nicht mehr, es schmeckt ihm einfach nicht besonders. Über Bürgergeld macht sich Matthias wenig Gedanken. Sorgen bereitet ihm die Gesundheit der Kinder in Deutschland. Was die Leute im Supermarkt vor mir auf das Band legen, enthält keine gesunden Nährstoffe, beobachtet er. Fertigpizza, säckeweise Süßigkeiten und Cola, Cola, Cola. Matthias geht oft und gerne schwimmen in öffentlichen Bädern. Es gibt kaum noch Kinder ohne Übergewicht, schimpft er. An der Armut liegt das nicht, glaubt Matthias, sondern am uninformierten Konsum. Der würde aber alle Gesellschaftsschichten belasten, nicht nur Familien mit Existenzminimum.

Zeit für einen Test. Ich will versuchen, mich zu ernähren von Bio Lebensmitteln und Bio Getränken, möglichst frisch und regional – bei ebenjenem Budget, welches Bürgergeld dafür vorsieht. Im Jahr 2024 sind es 195,35 Euro pro Monat, erfahre ich auf der Plattform gegen-hartz.de.

Bio Hartz IV Recherche

Bio mit Hartz IV vereinen und darüber publizieren, die Idee ist nicht neu. Bereits 2010 erschien das Kochbuch Arm aber Bio von Journalistin Rosa Wolff. Sie setzte erfolgreich auf Schnäppchenjagd nach Bio Produkten im Laden und kochte alles selbst.

Die FAZ kommentierte 2016 Grünen-Politiker Anton Hofreiter: Er wollte 16 Euro mehr pro Monat durchsetzen für Bio Lebensmittel bei Grundsicherung. Die FAZ unterstellte ihm Fehlkalkulation, indem sie Lebensmittelpreise verglich bei Discountern. Doppelt so teuer waren die Bio Lebensmittel durchschnittlich. Also resummierte die FAZ, die Rechnung von Hofreiter ginge nicht auf.

Fernsehkoch Tim Mälzer startete 2017 einen TV-Testballon für eine Woche. Eine fünfköpfige Familie sollte sich in Bio Qualität ernähren mit Hartz IV-Budget. Es klappte einigermaßen – mit zweimal täglich belegten Broten, wenig Fleisch bei Zweitverwertung und einer selbst gekochten Hauptmahlzeit pro Tag. Eingekauft wurden Grundnahrungsmittel auf dem regionalen Ökomarkt aber auch im Supermarkt.

Allen Versuchen war gemein, oft wurde geshoppt – mehrmals pro Woche. Dabei spielte zumeist der Supermarkt eine große Rolle. Gesucht wurde nach Billigbio, teilweise in größeren Mengen. Es wurde gehandelt und gefeilscht, kreativ kombiniert und bunt geschmiert.

Bio Basics kaufen im Supermarkt

Immer mehr Supermärkte, Drogerieketten und Discounter entwickeln eigene Bio Produktlinien unter dem Schirm wertiger Biosiegel. Beispielsweise Naturland zertifizierte Lebensmittel von EDEKA (Naturkind), REWE Bio und Nur Nur Natur von ALDI SÜD. Hier finde ich sehr wenige, dafür erstaunlich vernünftige und hochwertige Biowaren. Nur Nur Natur lockt mit Bio Wiener Würstchen ohne Natriumnitrit (!) und Bio Rohmilchkäse. Zudem freuen mich leckere Ingwershots in Glasflaschen und Bio Kimchi in Gläsern. Bei REWE Bio finde ich heimischen Rübenzucker, Saaten und feine Gewürze. Auch Kokosöl im Glas. EDEKA führt schöne Rübensalate im Glas (Karotten, Sellerie, Rote Bete), Kürbiskerne und Quinoa.

Biowaren von dm sind gesundheitsorientiert gewählt: Hülsenfrüchte, Nüsse, Honig, glutenfreie Reisspaghetti. Die kosten aber stolze 12,22 Euro pro Kilo im Vergleich zu den glutenfreien Reis-Mais Spaghetti von Alnatura um 6,58 Euro pro Kilo.

Kaufland schmückt sein Portfolio mit Demeter-zertifizierten Bio-Waren, darunter Fruchtsäfte in Glasflaschen von Völkel, Demeter-Babynahrung von Holle, zudem ein wenig Demeter Obst und Gemüse. LIDL zieht nach mit Bioland Frischware. Bei Penny bekomme ich hauseigenen Bio Joghurt von der Molkerei Salzburg Milch. Ich kenne Kuhweiden von familiären Höfen im Österreichischen Salzburg. Dort grasen glückliche Tiere mit Hörnern in gesunder Natur.

Auch beim Discounter haben hochwertige Bio-Waren ihren Preis. Die Natriumnitrit-freien Bio Wiener Würstchen von ALDI SÜD sind mit 16,45 Euro pro Kilo deutlich günstiger als vergleichbare Ökoland Wiener im Biomarkt, die erst ab 22 Euro pro Kilo zu bekommen sind. Doch sie sind etwas teurer als Bio Frankfurter von LIDL mit Natriumnitrit, die rund 15 Euro pro Kilo kosten.
Würde ich handwerklich hergestellte Bio Salsiccia kaufen mit Steinsalz und Gewürzen beim regionalen Bio Metzger, würde ich mindestens das Doppelte bezahlen. Doch konventionelle Wiener mit Natriumnitrit bekommt man beim Discounter beinahe schon nachgeworfen ab 5 Euro pro Kilo.

Bio kostenlos aus der Natur

Bio für mich ist ein Geschenk der Erde. Sammeln will ich gehen und pflücken bei schönen Ausflügen ins Berliner Umland. Ob Sommer oder Winter – immer kann ich etwas finden, das den Kochtopf bereichert und die Gesundheit gleich mit dazu.

Pilze sammeln für den Eigenbedarf geht auch im Winter. Hier wird ein Zunderschwamm geerntet – man kann ihn vielfältig einsetzen, auch für Heiltee. Mein herzliches Dankeschön gilt Heilpraktiker George Brasch, der mir beibrachte, wie wertvoll Baumschwämme sein können.

So sehr ich die Ausflüge liebe in die Natur, um für meinen Eigenbedarf zu sammeln und zu pflücken – wie motiviert wäre ich, nach Brandenburg zu fahren, um Brennnesseln zu suchen, sobald ich glauben würde, es sei Zwang?

Flüchtlingsessen waren Brennnesseln, im Krieg, damals. Spinat durch verzweifelte Suche nach Nahrung. Wie oft bekam ich als Kind Brennnessel-Spinat? Nie! Spinat kam aus dem eingefrorenen Plastikpäckchen von Iglo. Das war üblich und angesagt im ordentlichen Bürgertum – Brennnesseln hingegen waren Grünzeug für Arme.

Heute weiß ich: Brennnesseln sammeln in der Natur für Spinat, Saft oder Tee ist das Beste für meine Gesundheit. Ich liebe es, hinauszufahren in den Wald, heimzukommen mit einem vollen Jutebeutel voll köstlichem Unkraut. Doch wie würde ich mich fühlen, wenn ich es tun müsste?

Bio Mikrogrün und Sprossen

Mit Bio will ich nicht nur meine Gesundheit stärken, sondern auch meine Selbstwirksamkeit. Wenn ich Bio Ernährung will für möglichst wenig Ausgaben, muss ich Ressourcen nutzen, die kein Geld kosten. Zu allererst Licht, Luft, Regen und Sonne. Mein eingesetztes Geld will ich vermehren, indem ich keimfähige Saaten und Gewürze besorge, die ich wachsen lasse unter dem Fenster.

Aus eins mach zehn: Eine halbe Tasse Brandenburger BioLinsen wird zu knackigem Gemüse für eine ganze Familie. Aus Bio Bockshornkleesamen sprießt köstlich-aromatisches Mikrogrün. Der schon abgeerntete Schwarzkohl aus einer Hasenkiste vom Ökomarkt treibt neu aus im Wasserglas.

Knackige Sprossen und saftige grüne Triebe gedeihen in Schalen, Tabletts, Blumentöpfen und Gläsern auf geschenkter Erde vom Biobauern. Sie werden gegossen und gewässert mit Regenwasser vom Balkon oder Leitungswasser. Ihr Platz ist im Schlafzimmer, gleich unterhalb vom Sonnenfenster. Meine verbrauchte Atemluft lässt Grünzeug schnell wachsen – mein gänzlich kostenloses CO2 ist Baustoff.

Bio Kaffeesatz könnte ich erbitten von Baristas, als Substrat für meine eigene, kleine Pilzzucht. Schon mein Großvater hatte Champignons gezüchtet, im Keller, während des Krieges. So kam einmal pro Woche ausreichend Eiweiß auf den Tisch. Starterkulturen für Bio Pilze könnte ich bestellen im Internet. Impfdübel für Shiitake Kulturen kosten rund 15 Euro für fünfundzwanzig Stück.

Bio Saaten und Gewürze kaufen

Mein keimfähiger Einkauf im Internet direkt beim Importeur in großen Gebinden: hochwertiges Protein in Form von Bio Hülsenfrüchten; süße Genüsse durch Bohnen und Körner; nicht oxidierte Pflanzenöle in ungeschälten Bio Saaten; ballaststoffreiche Kohlenhydrate aus glutenfreien Süßgräsern … angekeimt werden die Saaten proppenvoll sein mit Vitaminen und Enzymen. Dazu bringe ich Geschmack und ätherische Öle in mein Essen durch Bio Gewürze und Meersalz. All das bestelle ich bei einer Gesamtsumme, die hoch genug ist für kostenlose Lieferung.

Langkornreis Vollkorn ganz bio5 Kilo2,79/kg13,53 Euro
Berglinsen braun bio (Gourmet)5 Kilo3,29/kg15,96 Euro
Azukibohnen bio 5kg, keimfähig5 Kilo4,79/kg23,23 Euro
Mungobohnen bio, keimfähig5 Kilo5,09/kg24,69 Euro
Bockshornkleesamen ganz bio, keimfähig1 Kilo6,88/kg6,88 Euro
Koriander ganz bio1 Kilo9,69/kg9,69 Euro
Schwarzkümmel ganz bio1 Kilo7,56/kg7,56 Euro
GESAMT108,65 Euro
Einkauf 1: Hülsenfrüchte, Grassamen, Gewürzsaaten, keimfähig, bio. Gratis Lieferung ab 100 Euro.
Bio Buchweizen ganz, keimfähig5 Kilo4,872/kg24,36 Euro
Demeter Weizen ganz, keimfähig1 Kilo2,90/kg2,90 Euro
Bio Brokkoli Samen, keimfähig1 Kilo19,99/kg19,99 Euro
Bio Alfalfa Samen, keimfähig1 Kilo15,99/kg15,99 Euro
Bio Quinoa, keimfähig500 Gramm7,98/kg3,99 Euro
Bio Anis gemahlen100 Gramm39,00/kg3,99 Euro
Bio Kurkuma gemahlen250 Gramm27,96/kg6,99 Euro
Urmeersalz ohne Trennmittel1 Kilo2,00/kg2,00 Euro
GESAMT80,21 Euro
Einkauf 2: Sprossensamen, Mikrogrün-Samen, Gewürze, Meersalz, bio. Gratis Lieferung ab 80 Euro.
Schmeckt köstlich wie frisches Sauerteigbrot: Angekeimter und gerösteter Bio Buchweizen mit Salz und fermentiertem Bio Koriander, dazu frische Bio Brokkoli-Sprossen aus dem Keimglas. Abgerundet wird der Geschmack mit einem Schuss selbst vergorenem Essig aus Bio Muskattrauben.

Bio Selbstermächtigung

Zugegeben, die meisten keimfähigen Saaten sind importiert. Doch wenn ich sie unverpackt bestelle in größeren Mengen, sind sie meistens noch sehr frisch. Abgepackter und gelagerter Bio Naturreis aus dem Einzelhandel bei mehreren Zwischenhändlern schmeckt oft ranzig. Mein Reis hingegen duftet fein nach Wärme und Jasmin. Meine Saaten sind nur lose in Folie eingeschlagen und sie werden nur einmal transportiert. Sie sollen der Anfang sein in den Einstieg meines Lebens mit Bio Frische bei wenig Budget.

Mit 188,86 Euro konnte ich sechzehn Kilo Hülsenfrüchte bestellen; sechs Kilo Samen von Süßgräsern; fünfeinhalb Kilo proteinreiches Pseudogetreide; vier Kilo Gewürz- und Gemüsesaaten – alle davon keimfähig für Sprossen und Mikrogrün; ein Kilo Meersalz; schließlich achthundertfünfzig Gramm Gewürze.
Dieser Schatz in der Speisekammer soll als Grundlage dienen für gesunde und vitale Ernährung. Monatelang werde ich damit auskommen können, ohne weitere Bestellungen. Das ist meine Basis für frischeste Bio Ernährung auf Bürgergeld-Niveau.

Wir dürfen unser eigenes Essen anbauen, mit frischer Erde in unseren Wohnzimmern auf Tischen oder Fensterbrettern. Wir sollten sogar Sprossen ziehen aus Mungobohnen und Quinoa im Keimglas, denn frische Sprossen sind sehr gesund. Die Natur erlaubt uns, aus Weizenkörnern Gras wachsen zu lassen, mit frischem, grünem Saft, der uns neue Lebenskraft gibt.

Bio Hasenkisten

Regionale Wochenmärkte in der Großstadt sind der beste Marktplatz für hochwertigste Bio Lebensmittel. Ein- bis zweimal pro Woche von Stand zu Stand bummeln, Saisonware entdecken, mich an frischen Kräutern erfreuen und plaudern in alle Richtungen – das liebe ich. Auf meine Wochenmärkte verzichten würde mir sehr schwer fallen. Wenn mein Bürgergeld-Budget nicht ausreichen würde für Besorgungen, so könnte ich vielleicht Lebensmittel retten?

Was passiert mit Presskuchen von Bio Ölen? Nussmehle könnte ich daraus machen oder Leinmehl. Wohin wandern Trester von frischen Bio Rohsäften? Ich könnte sie vergären mit Zucker zu Fruchtwein. Kann ich Karottengrün bekommen aus den Hasenkisten vom Ökomarkt für fermentierte Kräutersäfte?

„Die Leute schämen sich“, glaubt Olaf Willert. Er ist Bio Landwirt aus Barnim, verkauft seine Waren in Berlin auf Märkten. Oft hat er Reste zu verschenken – halbierte Kürbisse, lose Salatblätter oder angeschnittenen Kohl. Würde man ihn danach fragen, er würde diese übrig gebliebenen Stücke gerne kostenlos abgeben zu Ende der Verkaufszeiten. Doch niemand hat den Mut, sich erkennen zu geben als mittellos, glaubt Olaf. Er nimmt seine wertvollen Bio-Waren wieder mit auf seinen Hof. Die werden entweder verkocht oder kommen auf den Kompost.

„Hasenkiste“ vom Ökomarkt am Chamissoplatz. Gespendet haben Bioland Zielke, Teltower Rübchen, Hof Marienhöhe und Olaf Willert. Der Kürbis wird soeben zu Suppe verkocht, während ich hier tippe.

Ich bummle von Stand zu Stand. Habt ihr Abfall für mich? Meine erste Hasenkiste vom Ökomarkt am Chamissoplatz ist reichhaltig: vier Rübchen mit kleinen Fraßspuren, drei Kartoffeln mit Dellen, abgerissene Salatblätter, Schwarzkohl mit leicht welken Blättern, lose Wirsingblätter, angeditschte Äpfel, ein zerbrochener Hokkaido-Kürbis, Zwiebeln, Lauch, abgerissene Brokkoliröschen, Blumenkohlblätter und drei Orangen. Die sind zwar eingedellt, aber zuckersüß und innen perfekt in Ordnung. Nur Brokkoli, Orangen und Blumenkohlblätter sind Importware. Alle anderen Fundstücke stammen von gesunden Brandenburger Bio-Landwirtschaften.

Nicht alle regionalen Bio VermarkterInnen spenden übrig gebliebene Lebensmittel. Denn Abfall gibt es nicht in der Verwertungskette der regionalen Öko-Landwirtschaft. Bio Reste werden entweder am Hof noch verkocht oder Tieren verfüttert: Pferden, Schweinen, Ziegen. Der Rest kommt auf den Kompost oder wird eingearbeitet in den Ackerboden.

Teilhabe an Bio Ernährung

Wie offen muss man sein in unserer Gesellschaft für Bio Produkte, um sich ernsthaft ökologisch zu ernähren? Ich erinnere mich an eine Geschichte von Roland*. Er erzählte vom Grillabend mit seinen Eltern. Bio-Würstchen brachte er mit, für alle. Die wollten seine Eltern aber nicht essen. Bio sei Scharlatanerie, fanden sie, an der wollten nicht beteiligt sein. Nur Geldmacherei sei Bio, nur Verarsche.

Bio Lebensmittel sind jedoch viel mehr als nur Marketing. Was mir auch ohne Forschung selbstverständlich erscheint, musste erst bewiesen werden durch eine wissenschaftliche Metastudie. Mehr Antioxidantien, weniger Schwermetalle, weniger Pestizide wurden gefunden in Bio Nahrung.

Minijob für Bio: Simon bezieht Bürgergeld. An Samstagen verkauft er hochwertige Demeter-Biowaren vom Hof Marienhöhe auf dem Ökomarkt am Chamissoplatz. Ermäßigung von 30 % bekommt er auf alles, was verkauft wird auf dem Markt – auch von Nachbarständen. Er lebt von Bio Lebensmitteln.

Für Simon ist Bio jedenfalls keine Scharlatanerie. Er bezieht Bürgergeld. Als Minijobber unterstützt er den Demeter Hof Marienhöhe, jeden Samstag. Er verkauft hochwertige Bio Lebensmittel auf dem Ökomarkt am Chamissoplatz. Im Gegenzug kann Simon auf dem ganzen Ökomarkt günstig einkaufen für sich und seine Familie – jeder Mitarbeiter bekommt an jedem Stand 30 % Rabatt. Zudem bekommt Simon übrig gebliebene Bio Waren geschenkt von seinem Hof. Für ihn eine ideale Symbiose – hochwertigere Biowaren sind in Berlin nicht zu bekommen, nicht einmal für sehr viel Geld. Simon arbeitet für diese besondere Chance nur einen Tag pro Woche.

Mithelfen im Biosupermarkt

Wäre ich bereit, mühsam Schnäppchen abzugrasen in Biomärkten, reihum und systematisch bei Bio Company, denn´s, Alnatura, LPG ..? Würde ich mir die Arbeit machen wollen, Newsletter abonnieren, Wochenangebote sammeln? Wäre das nicht viel zu umständlich und auch lästig?

Der Robinhood Store mit drei Filialen in Berlin und Brandenburg agiert mit Community-Konzept. Ein antikapitalistisches Geschäftsmodell verspricht man. In dessen member-driven Biosupermärkten packt man als Mitglied mit an – drei Stunden pro Monat. Im Gegenzug bekommen Mitglieder 15 % Rabatt auf alle Waren. Man kann auch länger als nur drei Stunden pro Monat mithelfen. Die Rabatte wachsen dann an auf Großhandelspreise. Ein solidarisches Konzept verfolgt das Gründerteam. Profite aus dem Bio-Verkauf werden gespendet an NGOs für die Umwelt und gegen Hunger.

Wer Bürgergeld bezieht, braucht kein Mitglied sein, um billiger einzukaufen. Wenn man an der Kasse glaubwürdig sagt, dass man wenig Geld hat, bekommt man 20 % Nachlass, versichert mir Marion*. Sie ist fest angestellt im Robinhood Store. Regelmäßig weist sie Mitglieder ein, die helfen an der Käsetheke oder im Verkauf. Für Bürgergeld-Rabatt muss man nicht unbedingt einen Ausweis vorlegen oder einen Amtsbescheid. Bei uns geht es um Ehrlichkeit, erzählt Marion, nicht um Ausweise.

Dennoch sehr willkommen als Mitglied sind Menschen mit Bürgergeld, ganz besonders willkommen sogar. Mithelfen würde gut tun, findet Marion. So komme man wieder unter die Leute, unter coole Leute, und könne Erfahrungen sammeln im Verkauf. Nicht nur von günstigen Preisen würden Mitglieder profitieren. Auch ausgebuchte, nicht länger verkäufliche Bio Ware bekommen Mitglieder geschenkt. Was übrig bleibt, wird vor den Laden gestellt, abends, kurz bevor der Robinhood Store schließt.

Bio Getränke selber kochen

Wir können köstliche Bio Getränke selber herstellen, sogar mit nennenswertem Alkoholgehalt! Was im Kühlregal vom Biomarkt für teures Geld abgefüllt in braunen Glasflaschen verkauft wird als besonders gesundes probiotisches Getränk, können wir in unserer Küche selber brauen. Dazu reichen schon ein paar Wurzeln, die wir ausgraben am Wegesrand, Teepilz und ein paar Fruchtsaft-Abfälle.

Aus angeditschten Früchten und ein paar Gewürzen koche ich Punsch, mit oder ohne Alkohol. Ich fülle ihn heiß ab in wiederverschließbare Einweggläser. Wahlweise gekühlt oder zimmerwarm hält er mehrere Wochen. Mit Baumschwämmen aus dem Wald bereite ich ein kaffeeähnliches Getränk zu, das noch dazu sehr gesund ist. Gewürztee mit Milch und Honig ist besser als jeder Kakao aus dem Supermarkt. Aus (mehrfach) fermentierten Orangenschalen wird köstliche Limonade.

Sogar unseren eigenen Bio Wein fermentieren können wir aus wilden Pflaumen oder aufgesammelten Streuobst-Falläpfeln. Kein Amt verbietet vergorene oder milchsauer eingelegte Früchte!

Sammeln für duftenden Bio Tee

Ausflug in die Natur im Januar. Ich schlendere durch Mischwälder am See, suche nach keimenden Eicheln. Milden Eichelkaffee möchte ich zaubern, wie meine Großeltern im Krieg. Leider sind alle Eicheln auf dem Waldboden “bewohnt” von weißen Maden.
Kennen Sie die Sendung Naked Survival? In dieser experimentellen Dokureihe werden mutige Menschen mehrere Wochen lang in die Wildnis geschickt, wo sie ohne Hilfsmittel überleben müssen. Mir gefallen die Storys. Sogar meine Mutter hat sie gerne angeschaut mit mir. Ein Teilnehmer suchte gezielt nach Nüssen, um darin nistende Maden zu vernaschen als dicken Proteinsnack.
Insekten essen war ganz normal für unsere steinzeitlichen Vorfahren. Maden sind lebendige Garantie für giftfreie Natur. Doch so weit bin ich noch nicht, Insekten als köstliche Bio Notnahrung für mich anzuerkennen … Todesmutig koste ich einen winzigen Wurm. Er schmeckt mir überhaupt nicht gut. Die Eicheln bleiben liegen.

Frischer Tee aus Kiefernnadeln ist reich an Vitamin C und schmeckt ein wenig nach Zitronen. Leicht bittere Noten kommen über Zapfen oder Zweige.

Vom Wind abgerissene Kiefernzweige liegen auf dem Waldboden, sogar mit geschlossenen Zapfen. Die sammle ich in meinen Jutebeutel. Zu Hause setze ich feinsten aromatischen Kieferntee aus den Vitamin-C reichen Nadeln. Er schmeckt würzig-köstlich, mit einem Hauch Zitrusnoten.
Aus Kiefernnadeln könnte ich auch Streckmehl machen, indem ich sie trockne und mahle zu Pulver. Notnahrung waren die Nadeln von winterharten Bäumen gewesen, in Zeiten von Hunger und Krieg. In den Zapfen finde ich ölreiche Kiefernkerne.

Gesund und heilsam wirken Baumpilze. Im Winter kann man sie gut sammeln, für Tee. Zunderschwamm finde ich, Birkenporling und Chaga.

Bio Zweitverwertung

Die meisten Lebensmittel brauchen nicht in den Müll wandern, wenn man sie mehrfach benutzt. Gewürze und Kräuter aus Teebeuteln können wiederverwendet werden in Kompott, Suppen und Desserts. Zimtstangen entfalten sogar noch im fünften Heißgetränk ihr feines Aroma. Kaffeesatz kann mehrfach aufgegossen werden, er schmeckt dann eben milder. Ausgelaugter Kaffee ist Dünger für Blumen oder Substrat für eine Pilzzucht.

Ungesalzenes Nudelwasser von Reisspaghetti schmeckt wie Reismilch. Sobald man es eindickt mit Stärke, kann man daraus Pudding machen. Kartoffelwasser ist Blumenwasser. Kochwasser von geschälten Kartoffeln kann man trinken oder verwenden als Haarspülung. Schalen von Gemüsen werden Grundlage für Gemüsebrühe. Das Nose-to-tail Prinzip funktioniert auch bei veganen Lebensmitteln.

Fermentiertes Kochwasser von glutenfreien Bio Reisspaghetti wird Basis für frische Gemüsesuppe aus Lebensmittelspenden vom Ökomarkt. Geld gekostet haben nur Salz und Strom.

“Haschee” kam auf den Tisch, wenn Oma aus Fleischresten vom Vortag mit frischer Zwiebel und Kümmel ein leckeres Essen zauberte. Knochen von abgenagten Hähnchen wandern bei mir auch heute noch in den Suppentopf. Gut ausgekocht und getrocknet kann man sie dann zermahlen zu Kalziumpulver. Auch gebackene Eierschalen enthalten bestes Kalzium. Kräftige (natürliche) Käserinden werden zu Geschmacksverstärkern in Brühe. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Schauen Sie einfach einmal neugierig auf Ihre Reste, lassen Sie sich etwas einfallen! Das spart nicht nur Geld, sondern schont auch die Umwelt.

Ehrenamt für Bio

Organisationen und Vereine existieren zahlreich, die nach Beteiligung suchen, um Bio Landwirtschaft zu unterstützen durch ehrenamtliche Hilfe. Solidarische Landwirtschaft, Förderprogramme, wissenschaftliche Forschungsprojekte, private Initiativen, gemeinnützige GmbHs … man muss nur ein wenig recherchieren im Internet. Werfen Sie einmal einem Blick auf Freiwillick Grün, das Ehrenamtportal für Umweltschutz.

Besonders gut gefällt mir das Projekt Brandenburger BioLinse der Fördergesellschaft Ökologischer Landbau. Vielleicht kann ich mithelfen und im Gegenzug leckere regionale Bio Linsen bekommen?
Vielleicht könnte ich Linsen ehrenamtlich Rezepte entwickeln für die Website der Initiative? Das wäre eine tolle Synergie … ich würde Lebensmittel bekommen ohne Geld, würde damit für mich kochen – was ich ja sowieso vorhabe – würde davon nur noch ein paar Fotos machen … die dann hochladen ins Netz mit ein bisschen Text – fertig. Das würde mir alles ganz viel Spaß machen … und ein gutes Gefühl hätte ich zusätzlich noch dabei.

Für die Zutaten von diesem bunten Bio Essen bezahlte ich fast kein Geld. Kürbis und Lauch sind Abfälle vom Ökomarkt. Die Brandenburger BioLinsen bekam ich für mein Ehrenamt.

Meine Idee, aus Linsen ehrenamtlich Rezepte zu entwickeln für das Internet, stößt auf freudiges Interesse – Gerald Köhler vom gemeinnützigen Verein Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg lädt mich ein zu einer Präsentation der Brandenburger BioLinse. Besonders robust und widerstandsfähig soll sie sein, die kleine BioLinse, fit gegen Dürre und Hitze.

Ein tolles Konzept – die auserwählte Linse wird üblicherweise in Frankreich angebaut als schmackhafte Spezialität mit dem Namen La Lentille Verte du Puy A.O.C. Besonders gesund ist sie. Durch ihre dunklen Sprenkel enthält sie mehr Anthocyane, als ihre einfärbigen Kolleginnen.
Ich bekomme für Koch-Experimente fünf Kilogramm Linsen. Sie hätten einen Wert von geschätzt 55 Euro im Handel. Kein Amt von Berlin könnte darüber meckern!

Mithelfen auf dem Ökomarkt – die ganze Wahrheit

Wer gerne mit anpacken will auf dem Ökomarkt, muss sich vorab registrieren. Einfach nur helfen gegen Lebensmittel, das geht nicht. Mathilde* ist Landwirtin mit Selbstvermarktung in der Großstadt. Sie erklärt mir, warum das so ist: Jede Person, die bei ihr am Stand mitarbeitet, muss von ihr angemeldet werden als Arbeitskraft. Das kostet sie Zeit und Geld. Oft sind Helferinnen und Helfer aber nur kurz da – einmal, eine Woche, vielleicht einen Monat. Das lohnt sich für sie gar nicht.

Gleiches gilt für Hilfe auf dem Feld. Überprüft wird Mathildes Betrieb vom Zoll. Jederzeit könnte eine Kontrolle kommen. Wenn da nur eine nicht angemeldete Hilfskraft stehen würde, würde sie sanktioniert. Arbeit tauschen gegen Obst und Gemüse ist nicht möglich in Deutschland. Jedenfalls nicht für sie, nicht für ihren landwirtschaftlichen Betrieb, der weder ein Verein ist noch eine Genossenschaft. Überhaupt würde ganz viel falsch laufen in Deutschland, erzählt Mathilde traurig. Die versteckten Hürden der Bürokratie sieht man nicht von aussen. Sie hat alles durchgerechnet und kalkuliert. Hilfe ist für sie zu teuer. Unser Leben, das ist Sterben auf Raten. Die Banken, die warten nur darauf, dass ick verkoofe … für Windparks wollen se mein Land verbaun

Eine erlaubte Hilfe für Landwirte wären beispielsweise Praktika. Nicht alle Bäuerinnen und Bauern nehmen PraktikantInnen, denn die brauchen viel Aufmerksamkeit, zumeist eine Unterkunft und ziehen schnell wieder weiter. Doch einige Höfe sind dafür offen. Bürgergeld-EmpfängerInnen könnten Praktika bewilligt bekommen vom Amt. Längerfristige Minijobs sind möglich. Und natürlich auch ehrenamtliche Unterstützung für die Marktbetreiber, sofern die organisiert sind als gemeinnütziger Verein oder Kooperative.

Gemeinnützige Organisationen, die sich auf Wochenmärkten engagieren, existieren zahlreich. Beispielsweise die Grüne Liga, die den wöchentlichen Ökomarkt veranstaltet am Kollwitzplatz im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Für den Betrieb und die Sicherheit des Marktes werden immer ehrenamtliche HelferInnen gesucht, auch für Kleiderprojekte und den Infostand. Wer mithilft, bekommt fünfzehn Prozent beim Einkauf auf dem Markt, wird mir versichert von einer Repräsentantin der Grünen Liga.

Bio Abfälle sammeln auf dem Ökomarkt

Frisches Grün von heimischen Karotten oder Rüben gibt es derzeit nicht, es ist ja Winter. Regionale Bioware bleibt nicht übrig – da schimmelt nichts, da wird nichts schlecht. Im offenen Fonds eines Lieferwagens entdecke ich eine Kiste mit erdigen Krümeln. Abgeschnittene Sellerie-Wurzeln sind es, die hier gesammelt werden als Bio-Abfall. Manchmal bleibt keine Zeit mehr auf dem Hof, um Knollensellerie zu putzen für den Markt. Dann wird der Sellerie am Stand beschnitten. Die Knollen werden verkauft, ihre Wurzeln kommen zurück auf den Hof, wo sie verarbeitet werden als Hühnerfutter.

Butterzarte Bio Selleriewurzeln für Hühnerfutter oder Kompost. Abfall oder Delikatesse?

Ob ich diese butterzarten Wurzeln vielleicht kaufen könnte, zu einem günstigen Preis, möchte ich vom Bauern wissen. Ich blicke in ein ratloses Gesicht. Noch nie hat jemand nach Sellerie-Wurzeln gefragt, weder gekauft noch geschenkt. Überhaupt sind Wurzeln schwierig im Verkauf. Löwenzahnwurzeln, Brennnesselwurzeln, alles habe man schon probiert. Wurzeln machen viel Arbeit und die Leute auf dem Markt haben keine Idee, was sie damit anfangen sollen. Man wird sich gemeinsam über die Selleriewurzeln Gedanken machen, verspricht man mir. In einer Woche soll ich wiederkommen.

Gemütlich bummle ich von Stand zu Stand. Haben Sie Bio Abfall zum Mitnehmen? Selbstbewusst bitte ich um Spenden an allen Obst- und Gemüseständen vom Ökomarkt am Kollwitzplatz. Alle sind freundlich, niemand stellt Fragen. Wer eine Abfallkiste hat, reicht sie mir entspannt. Habe ich Grund, mich dafür zu schämen? Oder werde ich von oben herab behandelt? Es kommt mir nicht so vor. Eher im Gegenteil. Überall werde ich akzeptiert. Nicht nur toleriert bin ich, sondern sogar willkommen, denn ich sammle gegen Abfall. Upcycling ist en vogue.

Ich habe Glück. Es ist kalt, es regnet. Nur wenige KundInnen sind auf dem Markt. Scheinbar habe ich keine “Hasenkisten”-Konkurrenz, offenbar bin ich die einzige, die heute sammelt.

Aussortiert werden muss Importware. Was über Großhändler bezogen wird, Obst und Gemüse mit langen Transportwegen, geht schnell kaputt. Ich bekomme eine leicht angeschimmelte Süßkartoffel, eine angeditschte Mandarine, einen welken Salat mit knackigem Herz. Echte “Schätze” hat der Gemüsehändler für mich, der alles einkauft ohne Eigenanbau. Hier bekomme ich vier Kilo Pflaumen, neun Äpfel, drei Birnen, drei Süßkartoffeln, einen Bund Suppengrün, ein Stück Sellerie und obendrauf noch ein freundliches Gespräch.

Gerettetes Obst und Gemüse vom Ökomarkt am Kollwitzplatz. Die meisten Früchte kommen zu den Händlern über den Bio Großhandel Terra nach Berlin. Vieles ist noch gut und muss nicht in die Tonne.

All die geschenkten, aussortierten Waren sind verletzt, müssen sofort verarbeitet werden. Man kann sie nicht lagern, sie würden faulen und schimmeln innerhalb weniger Tage. Was würde mit den Sachen passieren, würde ich sie nicht mitnehmen? “Manchmal kommt jemand vorbei von Foodsharing”, erzählt der nette Verkäufer. Ab und zu nehmen auch die VerkäuferInnen vom Stand etwas mit. Aber der Rest käme eben doch in die Biotonne.

Die Pflaumen erweisen sich als Flop – beinahe alle muss ich entsorgen. Sie sind nicht nur äußerlich verletzt, sondern viele sind verschimmelt am Kern. Auch die Süßkartoffeln sind nicht mehr sehr gut. Schimmel ist in die Knollen eingedrungen, nur drei Hälften sind noch verwendbar. Einwandfrei jedoch sind Äpfel, Birnen und die Mandarine. Die sind nur äußerlich ein wenig eingedrückt. Das Fruchtfleisch ist perfekt. Ich bereite feinen Fruchtpunsch zu, drei Liter abgefüllt in Flaschen. Die weichgedünsteten Früchte verarbeite ich zu Mus.

Solidarische Bio Landwirtschaft

Ein solidarisches Konzept verfolgt der besondere Gemüsestand Ecke Husemannstraße jeden Donnerstag Nachmittag auf dem Ökomarkt am Kollwitzplatz. Ausschließlich selbst angebaute Produkte werden mitgebracht: Salat und Rüben, Möhren und Kartoffeln, Kräuter und Säfte und vieles mehr. Wer gutes Geld verdient, kann mehr bezahlen, als den erhofften Hofpreis. Wer normal begütert ist, wählt den Preis, den der Hof sich wünscht für seine regionalen Waren. Wer etwas schwächer aufgestellt ist finanziell, bekommt einen Preisnachlass von zwanzig Prozent. Diejenigen, die sehr wenig Geld haben, bezahlen nur die Hälfte. Die Wahl der Preiskategorie ist freiwillig, KundInnen dürfen selbst entscheiden. Hätte ich fünzig Prozent Nachlass, ich hätte neun Euro bezahlt für ein Kilo frische Babykarotten, ein Kilo Kartoffeln und zwei Stück grünen Salat.

Handwerkliches Bio Brot für wenig Geld oder geschenkt

Demeter Bäckerei Weichardt

Bio Sauerteigbrot, Gebäck und Kuchen, handwerklich gemacht und regional gebacken, werden verkauft auf Wochenmärkten. Der freundliche Fachverkäufer von Demeter Vollkornbäckerei Weichardt hat Handlungsspielraum, erzählt er zufrieden. Er kann StammkundInnen schon mal einen guten Preis machen, wenn er weiß, sie haben wenig Budget zur Verfügung.

Brötchen und Gebäck kann er zu Ende des Marktes zu günstigeren Preisen verkaufen, je nachdem, ob etwas übrig bleibt. Brot hingegen nicht, das wird erst an Sonntagen günstiger verkauft von einem Bioladen in Kladow. Ab und zu kommen LebensmittelretterInnen vorbei von foodsharing. Auch beteiligt sich Weichardt an Too Good To Go. Unverkauftes Brot wird gespendet an die Berliner Tafel.

Bio Vollkornbäckerei Brotgarten

Er freut sich, wenn er helfen kann: Michael von der Vollkornbäckerei Brotgarten schenkt mir handwerklich hergestelltes Bio Sauerteigbrot und einen Laib Bio Roggenbrot mit Kümmel.

Von der Vollkornbäckerei Brotgarten bekomme ich Bio Brot geschenkt – vom Vortag. Ich frage Michael, Brotverkäufer mit Leidenschaft, nach günstigen Resten, als er am Karl-August Platz gerade seinen Stand am Wochenmarkt schließt. Als Hartz IV Empfängerin stelle ich mich vor mit wenig Geld. Sofort holt Michael einen Kasten mit Brot für mich hervor. Magst du Sauerteig? Ich bekomme feinstes Bio Kastenbrot geschenkt und ein rundes Bio Roggenbrot, das nach Kümmel duftet.

Meistens bringt Michael Brot vom Vortag mit auf den Markt, das er günstig verkaufen oder sogar verschenken kann. Was übrig bleibt, spendet er sozialen Einrichtungen. Die letzten trockenen Reste bekommen Ziegen. In die Tonne muss nichts von diesem Brot.

Ich gebe mich Michel zu erkennen als Bloggerin. Hatte mich schon gewundert, grinst er. Wie eine Hartz IV Empfängerin siehste nicht aus, findet er. Ich bin ganz normal gekleidet – schlichte Winterjacke, kleine Umhängetasche, schwarze Hose. Worin unterscheide ich mich von einer Person, die sich Michael vorstellt als Frau mit Bürgergeld Bezug? Vielleicht meine freundliche Frage nach günstigem Brot? Vielleicht mein Mut? Mein selbstbewusstes Auftreten, die ungenierte Präsenz?

Michael schenkt gerne Brot an Menschen, die es dringend brauchen. Aber sie müssen höflich sein. Wer drängelt, unfreundlich wird oder stört, bekommt nichts von ihm. Ich freue mich sehr über sein Geschenk. Leider bin ich glutenintolerant. Das Bio Weizenbrot gebe ich einer Frau in der S-Bahn, die es dringender braucht als ich. Den Roggenlaib hingegen esse ich auf und siehe da – ich kann ihn gut vertragen: bester Sauerteig, aus dem Gluten herausfermentiert ist.

Überhaupt ist die Atmosphäre sehr angenehm auf dem Wochenmarkt. Alle Personen, die an Ständen verkaufen, sind sehr freundlich – ohne Ausnahme. Nie fühle ich mich diskriminiert oder abgelehnt, sobald ich um Preisnachlässe bitte. Im Gegenteil, ich fühle mich warmherzig angenommen, verständnisvoll empfangen und großzügig umsorgt.

Beste regionale Bio Eier günstig kaufen

Weideei.de

Auf dem Wochenmarkt vom Karl-August-Platz in Berlin-Charlottenburg treffe ich Bauer Haberl. Er bringt Bio Weideeier von glücklichen Freilandhühnern mit. Herr Haberl ist Quereinsteiger. Angewidert war er gewesen von Massentierhaltung. So organisierte er ein grünes Grundstück am Seeufer und schuf ein lebenswertes Vogelparadies. Noch gesündere Eier mit noch festeren Schalen habe ich bislang nicht gefunden in Berlin.

Bauer Haberl bietet seine regionalen Bio Eier von glücklichen Freilandhühnern um 50 Cent pro Stück an für Menschen, die von Bürgergeld leben. Das ist teurer als ein Ei im Bioladen. Aber die Qualität überzeugt mich – und ganz ehrlich: 50 Cent sind immer noch nicht sehr viel Geld für ein wertvolles Lebensmittel, wenn man bedenkt, dass alleine eine Dose Cola schon mehr kostet.

Ein hochwertiges regionales Bio Freiland-Ei ist proppenvoll mit Omega 3 Fettsäuren, Vitaminen und gutem Protein. Regulär verlangt Bauer Haberl 75 Cent pro Stück. Doch für Menschen mit wenig Geld würde er seine wertvollen Bio Eier für 50 Cent pro Stück verkaufen, verspricht er mir. Man muss nur nachweisen am Stand, dass man Bürgergeld oder Sozialhilfe bekommt. Denn das findet er schon wichtig, dass niemand schummelt, der es nicht nötig hat.

Wie Medizin wirkt ein glückliches Bio Ei auf mich. Es unterstützt meine Denkleistung. Damit spare ich teure Nahrungsergänzung, so ein Ei darf ruhig etwas kosten. Würde ich jeden Tag ein hochwertiges Bio Ei essen, würden die gerade einmal fünfzehn Euro verbrauchen pro Monat vom Bürgergeld-Budget.

Bauer Haberl braucht freundliche Verkäuferinnen und Verkäufer für seine Marktstände. Mindestlohn bezahlt er, 12.41 Euro pro Stunde. Eier gibt es zusätzlich und Rabatte beim Einkauf auf dem Markt. Ich erzähle davon dem netten Hannes*. Er sitzt tagein tagaus am Bahnhof in der Kälte, gleich neben dem Eingang vom einem Bioladen. Vor ihm steht eine alte Plastikschale mit Münzen. Föhlich lächelnd nimmt er Geldgeschenke, Lebensmittel, Getränke. Wählerisch ist er nicht. Ich bringe ihm manchmal Bananen mit oder Nüsse. Sobald KundInnen mit Hund einkaufen gehen, passt er auf die Tiere auf. Auch dafür bekommt er Münzen geschenkt. Ich erzähle ihm, dass er sich bewerben könnte als freundlicher Verkäufer für Bio Eier auf dem Markt. Mindestlohn? Das lohnt sich nicht für ihn. Zwölf Euro pro Stunde? Er bekommt mehr, wenn er vor dem Bioladen sitzt …

Regionale Bio Wurst, Fleisch und Aufschnitt günstig kaufen

Balthasar Genuss-Gesellschaft

Feinste Bio Wurst, Pastrami und Aufschnitte (die meisten davon OHNE schädliches Nitritpökelsalz) verkauft die Balthasar Genuss-Gesellschaft auf dem Wochenmarkt am Karl-August Platz. Als regionale Bio Metzgereigemeinschaft von acht regionalen Teilnehmern führt man auch Fleisch. Ich frage Herrn Jungnickel am Stand nach preisgünstigen Schnäppchen.

Tatsächlich gibt es hochwertige regionale Bio Wurstwaren kurz vor MHD um 20 % reduziert. Wer nachweisen kann, dass wenig Budget zur Verfügung steht für Lebensmittel, bekommt nochmal 10 % Rabatt oben drauf. Der Preis liegt im Ermessen von Herrn Jungnickel. Sehnsüchtig schiele ich auf nitritfreies frisches Pastrami, das mit Gemüsesaft rot gehalten wird. Nächsten Monat werde ich mir das leisten, nehme ich mir fest vor.

Viele Fans hat der Stand der Genuss-Gesellschaft, hauptsächlich Männer. Wohl situierte ältere Herrschafen stehen neben mir in der Schlange. Wer hier einkauft, braucht nur halb so viel wie vom Supermarkt, findet Peter*. Er steht an für rohen Schinken, hauchdünn aufgeschnitten, ein Wunsch seiner italienischen Gattin. Fleischwaren aus dem Kühlregal vom Discounter machen sie beide nicht satt. Davon isst man doppelt so viel bei halbem Genuss, findet Peter. Nur noch hier noch kauft er Fleischwaren und am Stand gegenüber, wo ein regionaler Landwirt selbst geräucherte Salami verkauft.

Herr Jungnickel hat günstig Schweinebauch übrig. Anstelle von 5,60 Euro kostet er nur 3,20 Euro. Knuspriger Braten aus dem Ofen wäre das geworden. Leider esse ich derzeit kaum noch Schwein, wegen der Harnsäure. Doch wäre ich gleich am frühen Morgen auf den Markt gekommen, hätte es noch viel mehr Produkte kurz vor MHD gegeben. Man muss einfach nur freundlich fragen und regelmäßig wiederkommen, bis man ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis aufgebaut hat.

Lamm & Apfel

Ein Markknochen, ein Fleischknochen, ein paar Rippchen und ein Stück Bauchfleisch vom frischen Bio Weidelamm für Brühe – so ein Päckchen verkauft Bio Landwirt Olaf Willert um 1 Euro als besonderes Angebot für Menschen, die sich Bio Fleischwaren sonst nicht so gut leisten könnten.

Lukas unterstützt Bio-Landwirt Olaf Willert auf dem Ökomarkt am Chamissoplatz. Olaf ist weitum bekannt in Berlin für sein einzigartiges Lammfleisch. Er hat seine eigene Schäferei und Schlachterei mit Bio Weidetieren und Milchlämmern. Jeden Freitag wird geschlachtet, am darauffolgenden Samstag ganz frisch verkauft. Hier bekomme ich sehr günstig Knochen und Lammbauch für Brühe. Ein 1 Euro Päckchen macht Olaf für mich fertig. Lammsuppe mit Karotten und Kräutern wird mein Sonntagsessen werden. Ich bin verabredet mit meiner besten Freundin, sie hat Kraftbrühe bitter nötig.

Lukas hilft mir mit dem Foto. Ganz schön lange hat es gedauert, bis dieses Bild im Kasten war. Denn Olaf ist ein sehr ernsthafter Mensch. Für Fotos auf Knopfdruck freundlich kucken kann er nicht. Bis ihm endlich ein winziges Lächeln über die Lippen kam, musste sich Lukas ziemlich anstrengen, damit sein strahlendes Grinsen nicht einfror bei den Minusgraden in Berlin.

Tierische Bio Lebensmittel geschenkt

Achtung, Bio-Gourmets und LieblingsköchInnen unter Ihnen! In regionalen Bio Schlachtereien fallen fast immer hochwertige tierische Reste an, die schwer vermarktet werden können. Blut zum Beispiel. Rinderblut und Lammblut dürfen leider seit BSE gar nicht mehr verkauft werden. Dieses eisenreiche Lebensmittel endet im Gully des Schlachters oder auf dem Komposthaufen der Landwirtschaft. Hühnerblut ist ebenfalls gesperrt wegen Salmonellen-Risiken. Schweineblut hingegen ist erlaubt. Aus frischem Bio Blut kann man feinste Blutwurst selber machen, oder Tote Oma auf den Tisch bringen.

Pansen bleibt oft übrig. Das ist ein Teil des Magens von Wiederkäuern. Man kann daraus Suppe kochen oder Ragout. Suchen Sie doch einmal nach Rezepten mit Kutteln. Ebenso können Sie Knochen geschenkt bekommen oder zu einem sehr günstigen Preis erwerben direkt beim Schlachter. Knochenbrühe kann man daraus kochen, die gesundheitliche Wirkung hat.

Fett vom Tier wird oft weggeworfen in der Schlachterei. Daraus können Sie bestes Schmalz auslassen, zum Braten, Backen und Kochen. Es bleibt sehr lange haltbar und ist ein Speicher für Vitamine. Schmalz enthält hochwertige Fettsäuren, wenn es vom gesunden Bio Freilandtier stammt.

Hirn ist ein traditionelles Lebensmittel, es wurde früher verwendet als Krankenkost, weil es so reichhaltig ist und voller Vitamine. Heutzutage hingegen wird Hirn kaum noch verwertet als Lebensmittel. Sie könnten das vielleicht ändern.

Auch Klauen sind oft Abfall. Sie sind sehr beliebt für chinesische Spezialitäten. Suchen Sie doch einmal im Netz nach Schweinsfuß auf Sichuan-Art. Ebenso fallen Hoden, Köpfe, Bäckchen oder Lungen dem Verfall anheim, da alte Rezepte für solche Teile von Tier verloren gegangen sind.

Mein Opa aß noch sehr gerne Beuscherl mit Semmelknödel. Meine Oma wusste, wie man es kocht. Ich hingegen habe noch nie Lunge besorgt. Ich hätte keine Idee, was ich damit anfangen sollte. Nur Gasthöfe und Restaurants kaufen noch regelmäßig Organe, Hühnerklein und andere Teile vom Tier für Spezialitäten.

Fragen Sie einfach nach bei der nächstgelegenen Bio Schlachterei, ob Sie Schlachtreste kostenlos mitnehmen dürfen oder gegen einen kleinen Obulus. Sie können damit nicht nur köstlich kochen, sondern auch die Verwertungskette der tierischen Lebensmittel erweitern, was gut ist für die Umwelt – enkeltauglich eben.

Kostenlose Bio Lebensmittel finden im Internet

foodsharing.de

Auf foodsharing.de kann man als Privatperson oder als Betrieb übrig gebliebene Lebensmittel eintragen als “Essenskorb” in einen interaktiven Stadtplan für kostenlose Abholung. Auch übrig gebliebenes Obst aus Gärten kann eingetragen werden. Jede registrierte Person kann sich um die Lebensmittel bemühen durch Anruf oder Nachricht. Während ich diese Zeilen tippe, werden in meiner Nachbarschaft fußläufig zehn Flaschen Bio Bier über MHD verschenkt, fünf Bio Avocdaos, fünfzehn Bio Bananen und Bio Bierschinken.

Sylvia* ist registrierte Lebensmittelretterin. Sie wollte als Privatperson mithelfen, indem sie aus dem Handel übrig gebliebene Lebensmittel abholen und verteilen wollte. Dafür musste sie ein foodsharing Quiz bestehen mit Eignungsfragen und weitere Aufgaben bewältigen bezüglich Hygiene und sammelbaren Waren. Schließlich bekam sie einen Sammel-Ausweis von foodsharing, mit dem sie vorsprechen konnte bei Bio Großhändlern und Supermärkten. Seither rettete sie schon Tonnen von Lebensmitteln. Aktuell hat sie zweihundert Bananen zu vergeben.

Eine Nachricht genügte für die Reservierung der letzten verbleibenden fünfzehn Bananen. Nur die Hinfahrt musste ich in Kauf nehmen zu Sylvias Wohnung etwas ausserhalb vom S-Bahn Ring. Bekommen habe ich Bio Bananen, die zwar noch ein bisschen grün waren, aber sehr fein schmeckten. Einen schönen Spaziergang habe ich noch dazu gemacht.

Mundraub.org

Auf Mundraub.org findet man eine interaktive Karte mit Fundorten für wildes Obst, Nüsse und Kräuter. Auch Haselnussbäume in der Großstadt sind vermerkt. Helga* und Manfred* sind beide schon achtzig Jahre alt. Sie sind noch fit, gehen regelmäßig walken im Berliner Umland. Die Haselnüsse vom Platz vor ihrem Haus haben dazu beigetragen, sind sie überzeugt. Jedes Jahr sammeln sie eimerweise Nüsse von Stadtbäumen in ihren Vorratskeller. Stets frisch geknackt werden sie nicht ranzig. Die halten ewig, grinst Manfred zufrieden. Und wir auch, kichert Helga.

(*Namen geändert zum Schutz der Privatsphäre)

Reduzierte Bio Ware online

Sirplus.de

Sirplus rettet Lebensmittel und verkauft sie über einen Onlineshop. Auch ein breites Angebot an wechselnden Biowaren ist darunter. Die meisten Produkte sind gegenüber regulären Ladenpreisen um 50 % herabgesetzt.

Toogoodtogo.com

Too Good To Go funktioniert mittels einer App für Smartphones, mit deren Hilfe man übrig gebliebene Lebensmittel in seiner Region für günstige Preise vorbestellen und abholen kann von Supermärkten, Bäckereien oder Restaurants. Ein social impact Unternehmen ist Too Good To Go – Unternehmen müssen weniger wegwerfen. Dafür bekommt Too Good To Go Prozente am Umsatz.

Günstig Bio Lebensmittel kaufen durch Food Coops

Bekannte Food Cooperativen (FC) finden Sie auf dem Portal Berlin.de. Welche Einkaufsgemeinschaften davon auf Bio setzen, ist aus dieser Liste nicht ersichtlich. Sie müssten sich gegebenenfalls durchgoogeln. Man findet einiges unter dem Suchbegriff Food Coop Berlin.

LPG Biomarkt

Aus der größten Lebensmittel-Kooperative Berlins ging der Bioriese LPG Biomarkt hervor. Heute ist die LPG organisiert als GmbH. Man kann Mitglied werden bei Bürgergeld-Bezug um reduzierte 12,78 Euro pro Monat. Mit seiner Mitgliedskarte kann man zu Großhandelspreisen einkaufen. Ab 35 Euro Einkauf pro Woche lohnt sich eine Mitgliedskarte, schreibt LPG auf seiner Website. Bei einem reduzierten Mitgliedstarif müsste man seinen Einsatz schneller erreichen, ab etwa 25 Euro, kalkuliere ich. Rund 100 Euro monatlich vom Bio Bürgergeld müsste ich also bei LPG investieren, damit sich mein Einsatz lohnt.

Fazit nach einem Monat günstiger Bio Ernährung

Den ganzen Januar 2024 aß ich hauptsächlich angekeimte Saaten mit Gewürzen, Mikrogrün und gesammeltes (geschenktes) Obst und Gemüse. Dazu gab es ein paar Eier, Pilze und feinsten Bio Rohmilchkäse von Jersey Rindern, den ich am letzten Messetag der Grünen Woche in Berlin zum halben Preis bekam.

Abweichungen gab es für mich während der Grünen Woche im Januar, wo ich als Vertreterin der Presse unterwegs gewesen war. Da isst man sich automatisch von Messestand zu Messestand, wie die kleine Raupe Nimmersatt. Würstchen bekam ich geschenkt, Vanille, Gewürze, Äpfel, Pilze, Kokoswasser, Schokolade … Dieses Event verfälschte meine 195,35 Euro Bilanz.

Ich gab auch etwas mehr Geld aus als die geplanten 195,35 Euro, denn ab und zu packte mich meine alte Routine, unterwegs eine Flasche Mango-Kefir aus dem Kühlschrank vom Bioladen zu kaufen oder Kurkuma-Orangensaft. Triebkraft dafür war mehr Durst als Hunger. Auch Kaffeedurst, der vor allen Dingen. Jedes Mal ärgerte ich mich über mich selbst, wenn ich an der Theke vom Biobäcker Kaffee bestellte in beschichteten Pappbechern. Erstens viel zu teuer, zweitens sehr ungesund durch den Becher.

Abhilfe schaffen ein Mehrwegbecher, den man im Rucksack einfach standardmäßig dabei hat. Eine Thermosflasche oder selbst gemachte Getränke aus gekochtem Leitungswasser. Ich hatte Glück, denn ein schöner Thermobecher für Kaffee to Go stand neu und verpackt im Hausflur. Da hatte jemand einen übrig gehabt, der ihn verschenkte durch Abstellen auf der Schwelle.

Bio Ernährung im Februar mit wenig Geld

Der Januar war beeinflusst gewesen von alten Routinen sowie der Messe Grüne Woche, die meine Bilanzen sprengte. Den Februar jedoch möchte ich sparen – ich lege einen weiteren Bürgergeld-Monat ein. Diesmal will ich erreichen, dass am Ende des Monats von den 195,35 Euro sogar noch etwas übrig bleibt.

Als erste Investition kaufe ich hochwertige Einmachgläser aus deutscher Fabrikation – luftdichter Mottenschutz für die Saaten, Behälter für Getränke, Gläser für Fermentiertes, Vorratsgläser für Gekochtes, Aufbewahrung für gesammelte Schätze aus dem Wald. Auch Glasbeschwerer brauche ich für selbst gemachtes Kimchi und dazu einen Krautstampfer. Dafür investierte ich insgesamt 128,07 Euro. Durch Mengenrabatt sparte ich rund 30 Euro bei Bestellung online mit Lieferung durch DHL.

Es bleiben mir für den Monat Februar vom Lebensmittelbudget noch 67,28 Euro übrig, die ich frei ausgeben kann für Salat, Olivenöl, Butter, Eier … Denn Saaten und Gewürze füllen noch im Überfluss die Speisekammer. Pilze wachsen im Badezimmer. Hülsenfrüchte bekomme ich im Gegenzug für mein Ehrenamt. Gemüse und Obst sammle ich über Foodsharing.de sowie aus Hasenkisten auf Märkten.

Bürgergeld für regionale Bio Landwirtschaft – ein Appell

Mit Bürgergeld mehr Bio

Rund 440.000 erwerbsfähige Menschen beziehen Bürgergeld in Berlin und Brandenburg. Gehören Sie dazu? Von Ihren Bezügen fließen 86 Millionen Euro in Lebensmittel. Stellen Sie sich einmal vor, welch enorme Unterstützung Ihr Bürgergeld bedeuten könnte für die regionale Bio Landwirtschaft und das traditionelle Bio Handwerk. Sie könnten nicht nur gesünder und bewusster leben, sobald Sie nur noch regional und ökologisch einkaufen würden. Sie könnten auch die Umwelt retten mit Ihrem Geld. Wenn niemand mehr im Supermarkt konventionelle verpackte Fertigprodukte kaufen würde, wäre die Welt bald ein besserer Ort!

Sie könnten Müllberge vermeiden und Transporte minimieren durch Konsumverzicht von verpackten vorgefertigen Industriewaren. Sie könnten Tierschutz fördern, Bienen erhalten und Insektenvielfalt stärken – einfach nur dadurch, dass Sie keine Tiefkühlpizza mehr kaufen, keine Cola in Plastikflaschen und keine abgepackten Süßigkeiten.

Erwerbsfähige Menschen für Wochenmärkte

In der Stadt Berlin leben rund 330.000 erwerbsfähige Menschen, die von Bürgergeld leben. Für einen kleinen Wochenmarkt mit zehn Ständen und regionalen Waren, der vier Stunden lang geöffnet hat, braucht man etwa 15 Menschen, die vor Ort mithelfen: Marktbegrenzung, Standbau, Verkauf, Organisation. Wenn von 330.000 Menschen jede/r nur einen halben Tag lang mithelfen würde, könnte man an 22.000 Tagen kleine Wochenmärkte veranstalten. Das wären bei einem Markttag pro Woche in 50 Wochen 440 kleine Wochenmärkte pro Jahr.
Berlin hat rund 440 Kieze. Jeder Kiez könnte seinen eigenen kleinen regionalen Wochenmarkt bekommen, wenn alle erwerbsfähigen Menschen mit Bürgergeld einen halben Tag lang pro Woche mithelfen würden.

Ihre Joanna

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12 Kommentare
    • Lieber Simon,
      sehr gerne. Schau bald wieder vorbei, ich werde den Artikel weiter aktualisieren und mit mehr Erfahrungen bereichern.
      Deine Joanna

  • Liebe Joanna! Ein herzliches Dankeschön aus Würzburg. Dein „Wiener Vergleich“ trifft des Pudel´s Kern. Je weniger drinn ist desto teurer wird´s. Wenn mehr Antibiotika und industrielle Konservierungsmittel in so einer Wiener drinnen sind, müssen wir weniger dafür bezahlen. Aber wenn es Naturbelassen ist nur mit Fleisch und Speck und ein paar Gewürze bei wenig Transportkilometer und Auslauf für´s Tier, so wie´s gehört, dann zahlen wir Länge mal Breite. Da frage ich mich, warum ich Geld ausgeben soll für die „Verarsche“. Da versteh ich die Eltern von deinem Freund, dass die dafür kein Geld ausgeben wollen. Da leg ich mir doch lieber ein paar Kartoffeln auf den Grill. Schmeckt sowieso viel besser als die Würscht.

    • Lieber Karl Kay,
      die teuersten Würstchen ohne Natriumnitrit im Bioladen sind gestreckt mit Sonnenblumenöl. Das Öl wird groß beworben auf den Päckchen.
      Ihre Joanna

  • Es macht mich sehr traurig was du schreibst. Die Mittelschicht bleibt außen vor. Du erzählst uns von deinen Sozialkontakten. Leute die arbeiten. Sie verdienen nicht genug um im Bioladen einzukaufen. Aber sie haben keine Zeit damit sie Biowaren günstig suchen gehen.
    Nach deinen Ideen braucht man für Bio Ernährung entweder
    – viel Geld bei wenig Zeit (Einkauf im Biosupermarkt oder Bioladen)
    – viel Zeit bei wenig Geld (Sammeln, Kochen, Pflücken, Betteln, Mithelfen, Planen)
    Was ist mit den Vielen die wenig Zeit haben aber wenig Geld verdienen?
    Gruß Heinrich

    • Lieber Heinrich,
      derzeit ist es wohl leider so, ja.
      Wobei diejenigen, die Zeit haben, klar im Vorteil sind.
      Beispiele:
      Hafermilch
      Wenig Zeit – industriell hergestellte Bio Hafermilch im ungekühlten Kunststoff-Päckchen.
      Viel Zeit – Bio Hafer, angekeimt, gemixt, abgegossen, eingemacht in Glasflaschen.
      Fisch
      Wenig Zeit – irischer Lachs aus Bio Aquakultur im Kunststoff-Päckchen aus der Tiefkühltruhe.
      Viel Zeit – mit der Angel am Fluss sitzen oder am See.
      Salami
      Wenig Zeit – Bio Lammsalami gemischt mit Schweinefett und Konservierungsstoffen aufgeschnitten (oxidiert) in Plastik.
      Viel Zeit – Lammsalami mit Salz und Gewürzen selber machen aus Zutaten vom regionalen Bio Schlachter und Ausflug ins Grüne.

      Diejenigen, die Zeit haben, sollten sie also auskosten, im wahrsten Sinne des Wortes.

  • Liebe Joanna! Ich lebe in Rom. In meiner Stadt kochen alle Familien selbst. Natürlich spaltet sich vom kleinen Bürger eine Business-Elite ab. Da essen die Menschen auswärts und sehr schnell. Aber das ist nicht gesund. Wie du es machst ist gut. So machen es auch die kleinen Leute in Rom. Sie bauen starke Beziehungen auf untereinander. Der KFZ Mechaniker hilft dem Bauern mit dem Traktor. Der schenkt ihm dann ein Lamm. Die Nonnina kocht davon die Suppe. Ich esse nicht gerne alleine. In der Arbeit sitzen wir gemeinsam am Tisch. Jeder bringt etwas mit.
    Bei uns scheint die Sonne. Liebe Grüße an das kalte Berlin von Sophia.

    • Liebe Sophia, vielen Dank für deinen wertvollen Beitrag! Gemeinsam kochen und essen ist mindestens genauso wichtig wie natürliche Bio Qualität.
      Deine Joanna

  • Sobald alle 440000 Bürgergeld-Empfänger lostrampeln und regionales Bio Kraut sammeln bricht die Natur zusammen. Haben Sie nicht gehört vom Bärlauch-Diebstahl in Leipzig?

    • Lieber Holger,
      nein, vom Bärlauch-Diebstahl hatte ich noch nicht gehört. Ich habe gegoogelt, das ist ja krass! Aber das hat ja nichts mit pflücken oder sammeln zu tun für den Eigenbedarf! Das ist ja kriminell, wenn man die Natur zu kommerziellen Zwecken ausraubt (ohne Genehmigung) …
      Ich glaube, wenn 440 000 Menschen aus Berlin und Brandenburg einmal pro Woche in die Natur fahren würden, wäre die Zahl bald kleiner. Ob mit oder ohne sammeln und pflücken.
      Ihre Joanna

  • Du bettelst auf Märkten in der Stadt. Wie tief muss man sinken für einen Artikel? Niemand macht das ausser dir. Bürgergeld soll Menschenwürde schützen damit niemand betteln muss. Aber du empfiehlst das an Menschen nicht an Hunde. Was ist los mit dir?

    • Liebe Layla,
      LebensmittelretterInnen der vergangenen Jahre ebneten der “Bettelei”, wie du es nennst, den Weg. Menschen gingen containern (Lebensmittel über MHD aus Müllcontainern retten), die es finanziell nicht nötig hatten, um auf Lebensmittelverschwendung und Müllberge aufmerksam zu machen. Ob man Lebensmittel rettet aus finanzieller Not oder innerer Überzeugung, spielt heutzutage keine Rolle mehr. Beides ist anerkannt und akzeptiert. “Betteln” wurde salonfähig. Wenn du gerne ganz offiziell Lebensmittel sammeln möchtest, ohne dich als Bettlerin zu fühlen, kannst du dich registrieren bei foodsharing.de – dann bist du geprüfte Food Saverin mit Ausweis und brauchst dich nirgends schämen.
      Deine Joanna

Chromosome
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  6. Liebe Joanna! Ein herzliches Dankeschön aus Würzburg. Dein „Wiener Vergleich“ trifft des Pudel´s Kern. Je weniger drinn ist desto teurer…

  7. Lieber Bulent, zu wenige Studien erforschten bislang die Wirkung von MCT Öl auf Darmbakterien. Man kennt wissenschaftlich die gesundheitlichen Vorteile…

  8. hallo! Gute bakterien sterben nicht von mct öl. Mct öl ist nicht gefährlich für den darm. Schlechte bakterien werden abgetötet.…