Bio Urlaub auf Teneriffa

Kurzversion:

Teneriffa gilt als beliebtes Reiseziel für bewusste Urlauber, die gesund leben und sich in bio Qualität ernähren möchten. Stimmt die Realität vor Ort mit dem Mythos Teneriffa überein? Vier Wochen lang bereise ich die Insel auf der Suche nach dem gesündesten Alltag.

Teneriffa. Die fruchtbare Vulkaninsel im Atlantik verheißt gesunden Urlaub in sauberer Natur. Weitab vom spanischen und afrikanischen Festland liegt sie geschützt vor Industrieschmutz und Müllbergen.
Über Jahrtausende brachen einheimische Pflanzen erkaltete Lava auf. Ihre Biomasse bildet eine fruchtbare Grundlage für reiche Vegetation unberührt von Menschen. Eisen und Magnesium, Silizium und Kalium nähren Wälder und Wiesen. Die Luft von Teneriffa ist frisch und klar.
Sauber geweht vom wolkenreichen Nordostpassat bleibt das Klima der äquatornahen Berghänge frühlingshaft, stets gekühlt durch den Kanarenstrom.
Hält das Urlaubsparadies Teneriffa, was seine günstige Lage verspricht? Ist Bio Urlaub auf Teneriffa eine gesunde Idee? Für Sie mache ich mich auf die Suche nach den besten bio Lebensmitteln, hochwertigem Trinkwasser und den schönsten Unterkünften.

Wasser auf Teneriffa

Teneriffas Quellewasser

Über Teneriffa wacht der Vulkan Teide als höchster Berg von ganz Spanien. Er ist aktiv – sein jüngster Ausbruch fand im Jahr 1909 statt. Wenn man auf seinem Gipfel steht, riecht man so stark Schwefeldämpfe, als hätte der Teufel in den Himmel gepupst.
Die steilen Hänge des Teide „melken“ Wolken, ihre feuchte Luftmasse streift an den Bergen entlang. Wald mit seinen Blättern filtert aus Nebel kleine Tropfen. Sie fallen auf die Erde und speisen tiefe Quellen im Fels. Diese natürliche Wassergewinnung nennt man horizontalen Regen. So ist Teneriffa die einzige Insel der kanarischen Inseln, die eigenes Quellwasser hat.

Wolken streifen den Gipfel des Roque Del Conde. Er ist entwaldet, Euphorbienbüschel wachsen auf seinen Hängen. Nebeltropfen können hier nicht hängenbleiben. Mutige Umweltaktivisten setzen Endemiten an geheimen Orten aus, hoffend sie werden wurzeln und samen. Aufgenommen wurde das Foto in Arona vom Hof der Asociación Sociocultural Casa Alta.


Sickerwasser wird auf Teneriffa aus gebirgigen Trinkwasserstollen gewonnen, den sogenannten Galerias. Sie sind zumeist private Initiativen oder Genossenschaften. Ihr Wasser ist reich an Kohlensäure. Diese löst Kalzium, Kalium und Magnesium aus dem Lavagestein. Bauern bewässern aus diesen Quellen ihre Felder. Mineralien gehen ueber in regionales Obst und Gemüse. Tausende Kilomenter lang sind die Wasserleitungen, die sich als Versorgungsnetz über die Insel ziehen. Man sieht mit freiem Auge die Nord-Süd Verbindung in den Berghängen.

Nord-Süd Wasserleitung von Galerias zu Anteilseignern, beobachtet oberhalb von Valle San Lorenzo.

Mehr Regen fällt im Nordteil der Insel. Hier ist die Natur auch noch dichter bewaldet als im Süden, mit Lorbeer und Pinien. Teneriffas Südhänge hingegen sind größtenteils verbuscht. Nur noch in Höhenlagen gedeiht dichter Pinienwald. Der Baumschwund geht schon zurück auf die Ureinwohner von Teneriffa, die Guanchen. Vermutlich waren sie ein Berbervolk, ihre Ziegen brachten sie mit. Als eingebürgerte Tiere weideten Ziegenherden fruchtbare Hänge ab.

Hurra, ein Baum! Die Berghänge oberhalb von Adeje im Süden von Teneriffa sind weitestgehend entwaldet, nur auf unzugänglichen Kämmen finden sich vereinzelt Bäume.

Die Spanier gaben vor rund fünfhundert Jahren dem südlichen Wald den Rest. Horizontaler Regen funktioniert hier nicht. Bauern im Süden müssen mehr Aufwand betreiben, um Felder zu bewässern, als ihre Kollegen im Norden. Doch das macht sie auch stark: Wenn Regen auf der Insel ausbleibt, sind die südlichen Farmer besser gewappnet gegen Trockenheit durch ihre gut ausgebauten Bewässerungsanlagen.

Ist Quellwasser auf Teneriffa trinkbar?

Teneriffas Quellwasser enthält sehr viele Mineralstoffe aus alter Lava. Neben gesunden Erdalkalimetallen wie Magnesium auch das bedenkliche Halogen Flour. Der Flourgehalt in Teneriffas Quellwasser ist so hoch, dass man es meiner Ansicht nach nicht ungefiltert trinken sollte. Denn zu viel Flour schädigt Knochen und Zähne, fördert neurologische Schäden und mindert die Intelligenz.
Viele Einheimische trinken Quellwasser. Ich habe mich umgesehen in Tamaimo, einem Ort im Westen von Teneriffa, wo nicht gechlortes Quellwasser öffentlich verfügbar ist. Tatsächlich fiel mir auf, dass einige Leute erschreckend schlechte Zähne haben.
In einer Bar in Tamaimo bestellte ich einen Kaffee. Ein bildhübscher Mann bediente an der Bar, etwa Mitte dreissig. Zarte Haut mit Sommersprossen traf auf schwarze Haare und dunkle Augen, super süß. Er lächtelte mich flirty an. Was unter seinen schön geschwungenen Lippen zum Vorschein kam, war … krümelig. Abgebrochen und braun. Zufall? Schlecht geputzt? Auch sein Kollege sah ähnlich aus. Ihm waren ein drei Schneidezähne auch schon ausgefallen.
Die Alzheimer Quote ist auf Teneriffa statistisch höher als auf dem spanischen Festland. Gedächtnisschwäche im Alter kann von Flour gefördert werden, denn es fördert Ablagerungen im Kopf.

Quellewasser selbst abfüllen ist kompliziert auf Teneriffa. Während es früher vielerorts öffentliche Brunnen für Quellwasser gab, sind diese heutzutage abgeschafft, oder das Wasser wurde ersetzt durch Leitungswasser. Die Quellen selbst sind nicht zugänglich. Sie liegen tief im Berg und sind verschlossen. Stollen zu betreten wäre lebensgefährlich, denn die Luft in den Stollen hat einen so hohen CO2 Gehalt, dass man darin ungeschützt ohnmächtig wird.
Verkauft wird Quellwasser aus Wassertanks. Private Unternehmen sind das, die ihre Wassertanklaster an Markttagen über die Insel schicken. Ich habe acht Liter Wasser gekauft bei einem Tanklastwagen neben der Markthalle von El Medano. Es kostete 50 Cent und schmeckte grausam.

Leitungswasser auf Teneriffa

Wasserstollen auf Teneriffa sind größtenteils privat. Sie wurden von Genossenschaften gegraben. Das Quellwasser wird unter den Anteilseignern aufgeteilt. Was nicht von den Aktionären selbst verbraucht wird, wird an Gemeinden verkauft. Das Wasser wird dafür über kilometerlange Leitungsrohre gelenkt. Einige davon sind aus Eisen, manche aus Kunststoff oder Verbundstoffen. Alleine schon die Leitungen für Quellwasser bergen ein gewisses Gesundheitsrisiko.

Parallel dazu entstehen zunehmend Entsalzungsanlagen für Meerwasser. Leitungswasser auf Teneriffa ist eine Mischung aus mehreren Ressourcen. Bevor das Wasser in Haushalte geleitet wird, wird es gefiltert und gechlort.

Grundsätzlich wäre das Leitungswasser auf Teneriffa trinkbar, denn Keime werden durch den hohen Zusatz an Chlor vernichtet. Doch davon rate ich dringend ab. Weder zum trinken, noch zum kochen würde ich ungefiltertes Leitungswasser verwenden. Ich rate vielmehr dazu, einen hochwertigen Wasserfilter für einen bio Urlaub auf Teneriffa selbst mitzubringen.

Trinkwasser auf Teneriffa kaufen

Trinkwasser ist ein großes Geschäft auf Teneriffa. Wasserbetriebe im Nordteil der Insel verkaufen ihr Quellwasser in Plastikflaschen und Kanistern. Von einem halben Liter bis acht Litern Füllmenge bekommt man dieses regionale Wasser im Supermarkt. Man sollte grundsätzlich kein Wasser aus Platikverpackungen trinken, wegen der Weichmacher, Schwermetalle und Mikroplastikpartikel. Zudem sorgen die Unmengen von Kanistern für ein Müllproblem. Pfandsysteme gibt es auf Teneriffa nicht für Konsumenten, weder für Plastikverpackungen noch für Glasflaschen.
Doch abgesehen vom Plastik enthält auch das Trinkwasser im Supermercado, das aus Teneriffa stammt, größtenteils relativ viel Flour. Wenn Sie Mineral-Analysen prüfen, die auf den Verpackungen abgedruckt sind, finden Sie Flour-Anteile, die drei bis viermal höher liegen, als in einem durchschnittlichen Mineralwasser aus Deutschland. Eine Alternative wäre Wasser vom spanischen Festland. Solan de Cabras wird beispielsweise in blauen Plastikkanistern verkauft. Doch tut man seinem Körper damit wirklich etwas Gutes?
Gutes Mineralwasser aus Glasflaschen ist auf Teneriffa schwer zu finden. Mineralwasser mit Kohlensäure gibt es von Vichy Catalan in manchen Supermercados, selten von Perrier (gesehen bei Carrefour in Santa Cruz). Stilles Mineralwasser in der Glasflasche entdeckte ich nur bei Tu Trebol: Staatlich Fachingen zu 1,79 Euro für eine 0,7 Liter Flasche.

Mein Fazit: Wer auf Teneriffa seine Gesundheit durch einen bio-Urlaub fördern möchte, sollte weder Wasser im Supermarkt kaufen, noch ungefiltertes Leitungswasser trinken. Wasserfilter auf der Insel nach seiner Ankunft zu kaufen ist kompliziert und teuer. Ich empfehle also, vor dem Urlaubsantritt einen hochwertigen Wasserfilter zu besorgen und mitzubringen.

Gemüse und Obst auf Teneriffa

Bio Anbau nach Demeter-Vorbild

Nieves und ihr Gatte Antonio bauen bio Gemüse an und Kräuter, südlich von Valle San Lorenzo. Ihre Felder bewirtschaften sie mustergültig: Vor zehn Jahren brachten deutsche Einwanderer ihnen bio Landwirtschaft bei. Österreichische Kollegen begeisterten sie für Düngung mit Mikroorganismen. Anteile an Galeria-Wasser lassen pralle Ernte sprießen.

„Wasser ist Gold!“ Antonio ist bio-Landwirt aus Überzeugung. Er bewässert seine Felder im südlichen Teil von Valle San Lorenzo durch Anteile an regionalen „Galerias“ – privat gegrabenen Wasserstollen im Vulkangestein.

Die Erde für ihre Felder beziehen Antonio und Nieves aus dem Norden Teneriffas, von natürlich gewachsenem Lorbeerwald. Aufgefüllt wird mit Ziegenmist. Plastikplanen gegen Unkraut sucht man auf den Feldern von Antonio und Nieves vergeblich. Ihre Arbeit ist mühsam – alles wird von Hand gesetzt, gejätet und geerntet.

Die Felder der bio-Finca von Nieves und Antonio Moro sind mehr als bio nach Vorschrift. Nicht einmal Plastikplanen werden gegen Unkraut eingesetzt. Alles wird von Hand gepflegt.

Die Mühe lohnt. Koriander und Petersilie duften mit Basilikum um die Wette in ihren Beeten. Salat ist knackig, mittelscharfe rote Paprika leuchten aus grünen Stauden. Der Grünkohl wächst so hoch, man könnte ihn für Kitschpostkarten als Kanarenpalme missbrauchen.

Leider hat der Klimawandel auch vor Teneriffa nicht halt gemacht. Im Jahresmittel war es zu warm in den vergangenen Jahren, es hat auch deutlich weniger geregnet. Die Traubenernte blieb weitestgehend aus bei Nieves und Antonio.

Antonios bio-Grünkohl auf ‚Teneriffa. Er wächst meterhoch. Trauben konnte er jedoch kaum noch ernten.

Insektenplagen sind über die kanarischen Fincas hergefallen. Um Cherrytomaten und Calabacin zu retten, wird mineralischer Schwefel auf den Feldern eingesetzt gegen Läuse und Käfer. Auch Nieves und Antonio nutzen ihn, Schwefel ist in der bio-Landwirtschaft erlaubt. Als lebenswichtiges Spurenelement brauchen wir Schwefelverbindungen ausreichend im Körper. Sie unterstützten nicht zuletzt unser körpereigenes Entgiftungssystem. Doch mineralischer Schwefel, der nicht organisch gebunden ist, reizt Augen und Schleimhäute. Er schmeckt auch schlecht, geschwefeltes Gemüse stinkt. Wasser allein wäscht zugelassenes bio Schwefelpulver nicht ab. Ich bekomme Hautausschlag davon, auch mein Magen rebelliert.

Antonios ausbalanciertes Bewässerungsystem erreicht jeden Quadratmeter Land. Alleine durch mineralreiches Galeria-Wasser werden Insekten schon ausgebremst. Seine Kräuter, Radieschen und Salatköpfe sind weitestgehend ungeschwefelt.

Keine ideale Situation, muss man doch als Landwirt den Spagat schaffen zwischen gesundem Gemüse und verkaufbarem. Wer möchte schon gerne Zuccini auf den Markt bringen, auf deren Schale seltsame Käferkreise eingezeichnet sind, oder perforierten Blattsalat? Wenn ich die Kundinnen und Kunden auf dem Markt beobachte, fällt mir oft auf, wie wählerisch manche Leute sind. Sobald auch nur ein kleines braunes Blättchen von einem Salatkopf hängt, wird er zurück gelegt. Wir wurden jahrzehntelang verbildet durch hochgezüchtetes Supergemüse im konventionellen Handel. Wie lange wird es nun dauern, bis wir natürliches Wachstum von unbehandelten Pflanzen wertschätzen können?

Nieves und Antonio Moro verkaufen ihre Ware im Mercado del Agricultor in Valle San Lorenzo. Die bio-Eier und die Äpfel sind nicht von ihnen. Sie führen auch bio Lebensmittel von zertifizierten Nachbarn.

Verkauft wird die Ware von Antonio und Nieves im Mercado del Agricultor von Arona in Valle San Lorenzo. Nieves hält jeden Samstag und Sonntag die Stellung. Sie betreibt den einzigen Stand für zertifiziertes Biogemüse in dieser jungen Markthalle, man findet Nieves ganz weit vorne in der ersten Reihe rechts. Geschwefelt erschienen mir an ihrem Stand die zucciniähnlichen Calabacin und frische Paprika. Salat und Kräuter wie Petersilie, Koriander und Basilikum hingegen waren unbehandelt.

Kann man als überzeugter Biofarmer auf Teneriffa einen akzeptablen Kompromiss finden zwischen biologisch-dynamischem Anbau im Klimawandel und Kundengusto? Ich suche unperfektes Gemüse und Obst – je mehr Insekten sich darauf verwirklicht haben, desto lieber kaufe ich es. Schon meine Oma pflegte zu sagen: „Es ist gut, wenn Würmer in den Himbeeren sind, denn da ist kein Gift drauf.“ Wer denkt ähnlich auf Teneriffa?

Eine kleine Raupe Nimmersatt finde ich auf Nieves´ Basilikum. Ich nenne sie Heidi, eine Woche lang hat sie tough im Kühlschrank überlebt, und wegen ihrem sexy Hüftschwung. Wo kann ich Heidi aussetzen auf Teneriffa, damit sie ein schönes Leben hat?

Playa San Juan veranstaltet jeden Mittwoch einen Mercadillo, einen offenen Wochenmarkt. In malerischer Kulisse am Abgrund schwarzer Lavaklippen reihen sich ein paar Lebensmittelstände gemütlich aneinander. Einige von ihnen haben das kanarische Biozertifikat an ihre Marktplanen gehängt. Hier verkaufen Bauern der Gemeinde Guia de Isora.

Mittwoch vormittag treffen sich Produzenten von Lebensmitteln auf dem Mercadillo de Playa San Juan. Touristen lieben den Markt, bietet er doch die schönste Aussicht auf unzerstörte Lavaküste. Auf diesem Tisch ist alles bio, wenngleich überall Schwefel eingesetzt wurde gegen Insekten, auch auf den Papayas.

Ich frage alle Verkäufer von Eco-Ständen nach bio-konformen Pestiziden, die sie verwenden für ihre Plantagen. Heimlich hoffe ich auf mickriges Gemüse ohne Zusätze. Mehrere Marktteilnehme empfehlen mir den Stand von Ana Rosa: Sie hat das beste Gemüse weit und breit, wird mir versichert. Finde ich bei ihr allergenarme Nahrungsmittel?
Ana Rosa nimmt mir alle Illusionen. Sie ist gnadenlos ehrlich mit mir. „Wenn du allergisch bist auf Schwefel, solltest du hier gar nichts kaufen.“ Selbst oberflächlich gestreuter Schwefel dringt ein in das Erdreich, nicht einmal Karotten oder Rüben sind davor sicher. Ana Rosa baut Biogemüse an, prächtige Paprika und knackigen Salat. Überall setzt sie mineralischen Schwefel ein. Für sie geht nicht anders.

Ana Rosa baut bio-Gemüse an, das sie auf dem Mercadillo von Playa San Juan verkauft. Ihr geht es gar nicht so sehr um die Schönheit ihrer Ernte, wenn sie ihre Felder mit mineralischem Schwefel düngt. Ohne Schwefel würden Insekten schon ihre Setzlinge vernichten. Welche Insekten? Ana Rosa schreibt mir eine Liste.

Welche Tiere sind es, die sie bekämpfen muss? Fünf Schädlinge fallen Ana Rosa spontan ein, lediglich ein Bruchteil dessen, was ihr Gemüse angreift: Arana Roja (Gemeine Spinnmilbe), Laganta (?), Pulgon Negro (Schwarze Bohnenlaus), Mosca Blanca (Mottenschildlaus), Tuta Absoluta (Tomatenminiermotte). Wenn Ana Rosa nicht unmittelbar nach dem Einpflanzen Schwefel auf die Erde streut, bleibt von ihren Setzlingen nichts übrig.
Auch Karotten oder Rüben soll ich vermeiden, rät mir Ana Rosa, falls ich als Allergikerin Schwefel nicht gut vertragen kann. Denn er bleibt nicht oberflächlich auf den Beeten liegen, vielmehr dringt er tief in die Erde ein. Ob er als organischer Bestandteil der Ernte wohl besser verträglich ist, als das Düngepulver an der Oberfläche?

Juan Carlos verkauft bio-Mangos. Er schwört: Hier ist kein Schwefel drauf. Schwefel setzt er als verdünnte Lösung ein während der Mangoblüte, um die sensible Vorstufe der Frucht zu schützen. Später dann nicht mehr. Der weiße Belag auf den Schalen seiner Mangos, das sind auch keine natürlichen Hefen, ähnlich den Pelzchen auf guten Trauben, wie ich anfänglich vermute, sondern Algen.

Bio Mangos von Juan Carlos auf dem Mercadillo de Playa San Juan. Der weiße Belag ist weder Schwefel noch natürliche Hefe. Juan Carlos setzt Mikroorganismen ein als Dünger und Pestizid. Algen sind es, die den Belag bilden. Ist das gesund?

Sanft nehme ich eine Mango in die Hand und reibe sie ein wenig. Mineralischer Schwefel würde einen seltsamen Geruch entwickeln, sobald er mit der Feuchtigkeit meiner Haut in Berührung kommt. Bei Juan Carlos Mangos merke ich nichts davon. Meine Hand duftet nach ätherischen Ölen der Mango. Juan Carlos zückt sein Smartphone. Er zeigt mir Fotos von Mikroorganismen, die er als Pestizid und auch als Düngemittel einsetzt. Tierra de Diatomeas micronizada steht auf einem Produktbild geschrieben. Was mag das wohl sein?

Juan Carlos bietet neben Mangos auch Longan Früchte und seltsame Baumgewächse, die man als Badeschwamm verwenden kann. Er hat wenig Zeit. Verkaufen, verkaufen, seine neuen vorderen Schneidezähne waren teuer beim Zahnarzt.

Anscheinend sind Diatomeas natürliche Meeresbewohner, die auch ohne Düngung in der Luft liegen. Leider hat Juan Carlos keine Zeit, mir präzise zu erklären, was für Algen das sind und was sie im menschlichen Körper bewirken. Sein Zahnarzt hat ihm erst gestern tausend Euro abgeknöpft für zwei neue Schneidezähne. Um das zu erwirtschaften muss er dreihundert Baumschwämme verkaufen, oder vierhundert Kilo Mangos. Eine Mammutaufgabe, kein Verkauf darf ihm entgehen. Juan Carlos empfiehlt mir für meine Recherche eine Website, bei der er die Mikroorganismen kauft.

Subtropisches Klima und exotische Früchte

Sonne scheint im äquatornahen Biotop Teneriffa reichlich. Sie lässt in Küstennähe subtropisches Klima zu. Auch im Winter bleiben die Temperaturen im europäischen Vergleich sommerlich. Dabei wird es auch im Sommer niemals wüstenhaft heiß. Der Atlantik lindert die Äquatornähe und hält die Luft auf angenehmem Niveau. Bananen wachsen neben Granatäpfeln, Karotten flirten mit Basilikum. Äpfel umschwärmen Mangos, während wilde Kaktusfrüchte die Küsten bebildern. Verstärken kann man den Effekt durch ein Treibhaus. Während Papaya und Karambolen unter freiem Himmel eher klein bleiben, gedeihen sie im Treibhaus prächtig.

Ein Papaya-Baum im Treibhaus Niguaria auf Teneriffa: Riesige Früchte hängen am Stamm. Solche dicken Klopper zieht man nicht unter freiem Himmel.

Carlos besitzt in Küstennähe ein weitläufiges überdachtes Gelände. Füher baute er Bananen an. Doch im Laufe der Jahre verlor er daran die Freude. Bananenanbau war verbunden mit Auflagen der Genossenschaft für Bananen Teneriffas. Um Förderungen für seine Plantage zu erhalten, musste sich Carlos an strenge Spielregeln halten. Er fühlte sich unfrei. Lieber experimentierte er mit exotischen Früchten: Karambole und Papaya, seltene Guavensorten und asiatische Longan Früchte erntete er neben Bananen.

Seltsam stachelige Kreaturen wachsen auf Carlos´ Bäumen. Ihr Name ist mir entfallen, ich habe ihn vorher noch nie gehört. Bei guter Pflege werden diese Früchte größer als das Handgepäck der Speedy Boarding Passagiere von Easyjet.

Carlos pflanzte an, was ihm Spaß machte. Eines Tages wurden ihm alle Förderungen für Bananen gestrichen. Da reichte es ihm mit dem Kanarenschlager. Er fällte sämtliche Bananenstauden, sprichwörtlich über Nacht. Seither setzt er nur noch auf exotisches Obst. Er zieht seit einem Jahr auch Kaffeestauden und probiert sich an Kakao.

Grundsätzlich könnte Carlos seine Finca bio-zertifizieren lassen. Die Voraussetzungen dafür sind gegeben. Doch Carlos ist Freigeist. Er hat keine Lust mehr auf Kontrollen und Auflagen. Gegen Fruchtfliegen beispielsweie setzt er Lebendfallen ein. Sie widersprechen nicht dem Biogrundsatz, doch die gelben Töpfchen, die Carlos nutzt, sind nicht bio-zertifiziert. Er könnte sie nicht mehr aufhängen in seinen Bäumen, wäre seine Ware deklariert als bio.
Wenn man Carlos ärgern möchte, braucht man ihn nur fragen, ob seine Früchte bio sind. Dann zieht er die Mundwinkel weit nach unten und mault streng „NO“.

Karambolen aus dem Treibhaus reif für den Markt. Unter freiem Himmel werden sie nicht einmal halb so groß.

Carlos Sternfrüchte sind so saftig, man kann nicht hineinbeissen ohne sich anzukleckern. Ich überzeugte Biotante mache das trotzdem, sogar die ungewaschenen Früchte esse ich direkt vom Baum, ohne sie vorab zu filetieren. Manchmal habe ich dabei ein komisches Gefühl. Ist da wirklich kein Gift drauf?
„Bio“ ist nicht zuletzt antrainiert. Ich bin schon so lange fixiert auf das kleine grüne EU-Blättchen, dass unzertifizierte Bioware seltenes Genussmittel für mich bleibt. Schade eigentlich, denn die Fruchtpalette von Carlos ist genial.

Will auf keinen Fall mit auf das Foto: Carlos Marktstand auf dem Mercado Del Agricultur Arona in Valle San Lorenzo. Es ist sehr früh am Morgen, wahrscheinlich sind seine Augen noch zu klein. Seine Treibhaus-Karambolen sind doppelt so groß wie regionale Freilandfrüchte und dreimal so saftig.

Fünf verschiedene Sorten Guaven hat Carlos auf den Bauernmarkt in Valle San Lorenzo mitgebracht: kleine gelbe mit Ananassgeschmack neben dicken weißen, die nach nach Weißwein duften. Knallrote Erdbeerguaven und Bankok-Guaven liegen in den Kisten, und ja, die „normalen“ rosafarbenen Guaven dürfen auch wachsen bei Carlos. Manchmal ziept meine Haut ein bisschen, nachdem ich die Früchte gegessen habe. Woher kommt das? Einbildung, oder bin ich allergisch auf Guaven?

Bio-Lebensmittel im Handel

Ernährung auf Teneriffa als Pauschaltourist

Die meisten Touristen auf Teneriffa machen sich keine Gedanken über Gift auf Obst und Gemüse. Da geht es um wichtigere Dinge: Ob in der Champagner Sangria in Wahrheit Sekt drin ist, oder ob die Blutwurst wirklich aus Schottland kommt.

Das Gros der Urlauber wird verpflegt mit Verpacktem vom Festland: Irischer Plastikcheddar trifft Dosenbohnen. Fries aus dem Freezer füllen die Teller, wattige Sandwiches treffen den home-Geschmack der Reisenden. Das Frühstücksbuffet in unserem Hotel bietet Bohnen in Tomatensoße, frittierte Eier mit englischer Wurst neben fettigen Pancakes, Croissants in Folie und aufgebackene Muffins. Ich fühle mich unverstanden.

Profiteure vom Pauschaltourismus: Eine Katzenmama mit Wildbaby sucht und findet Futter in den Mülltonnen, die reich gefüllt sind von uns Touristen. Während die Mutter aussieht wie eine langweilige Hauskatze, ist ihr Kleines ein echter Vulkanteufel. Wie konnte das passieren?


Leitungswasser der Gemeinden wird zum Schutz der Urlauber vor Bakterien gechlort. Man kann es trinken, doch dürfte das gesundheitlich bedenklich sein. Chlor ist ein essenzielles Spurenelement im Körper, jedoch nur in winzigen Mengen. Hat man zu viel Chlor im Körper, stört man dadurch das sogenannte Ruhemembranpotenzial der Nervenzellen, und das kann Menschen verrückt machen. Fast jeder Mensch auf Tenerifffa, ob Urlauber oder Einheimische, kaufen Trinkwasser in Plastik-Kanistern. Wie viel Weichmacher gelangt so in das Wasser? Die bauchigen Behälter finden sich zu Pyramiden gestapelt im regionalen Supermarkt. Teufel oder Beelzebub? Chlor oder Plastik? Wofür entscheidet man sich? Gibt es keinen Ausweg durch Glasflaschen oder natürliche Quellen?
Wasser in Glasflaschen von Teneriffa bleibt der Gastronomie vorbehalten, erfahre ich von einem Insider. Er bestellt mir einen Kasten Fonteide in nicht wiederverschließbaren Glasflaschen mit Kronkorken. Ich muss für die Abholung zu ihm privat fahren und ihm die Flaschen wieder zurückbringen. Das System funktoniert, lohnt sich aber kaum für vier Wochen.
Ich finde einen teuren, aber einfachen Ausweg, Im Tu Trebol gibt es Regale nach Ländern geordnet. Deutschland ist mit Staatl. Fachingen Heilwasser in der Glasflasche vertreten. Es ist stark überteuert, jedoch köstlich und frei von Schadstoffen.

Als Urlauberin wohnte ich vier Wochen lang in einer Hotelanlage in Los Christianos. In den ersten Tagen nach meiner Ankunft suchte ich in örtlichen Supermercados nach alltäglichen Bio-Lebensmitteln als Grundlage. Einige Hipermercados auf Teneriffa führen schöne Biowaren vom Festland. LIDL rühmt sich mit Linsensuppe im Glas und Kichererbsenchips. Carrefour führt feine Ziegenmilch in der Glasflasche, auch Joghurt und Kefir. Dialprix bietet saftige Biobeefburger in Freilandqualiät. Die kanarische Kette HiperDino schmückt sich mit einem EcoDino Regal. Hier findet man Bio-Klassiker wie Reismilch, Quinoa und Rote Beete Pulver.

Tu Trebol in Los Christianos gibt sich Mühe: Eine vergleichsweise winzige, aber feine Bio-Ecke mit der hauseigenen Donatura Biomarke hat vernüftige Lebensmittelgrundausstattung für Biofreaks wie mich.

Sofern man nicht allzu große kulinarische Anforderungen stellt an abwechslungsreiche Küche, kann man als bio-Überzeugungsköchin auf Teneriffa überleben durch Einkauf im Supermarkt. Den Biosupermarkt nach deutschem Vorbild gibt es auf Teneriffa jedoch nicht. Ein Versuch wurde vor ein paar Jahren von HiperDino gestartet, ein eigener EcoDino wurde eröffnet in Santa Cruz. Es blieb jedoch bei einem Experiment. Längst hat er wieder geschlossen, das EcoDino Portfolio ging ein in das Programm der größeren HiperDino Märkte.

Einheimische bio Lebensmittel

Mein erster Informant in Sachen regionale Biospionage wurde Rezeptionist Manuel. Seine Eltern stammen aus Teneriffa. Geboren ist Manuel aber in Deutschland. Sein Vater arbeitete hart in Frankfurt. Als dieser in Rente ging, kehrte er mit Frau und Kindern nach Teneriffa zurück. Manuel kennt beide Welten in- und auswendig, deutsche Ordnung trifft bei ihm auf spanischen Humor. Als gute Seele am Empfang in unserem Hotel ist er der perfekte Vermittler zwischen den Kulturen. Mit seiner Familie lebt Manuel im Norden der Insel, in Buenavista. Das ist eine wenig touristische Region. Sie verbindet das felsige Teno-Gebirge mit tieferen flachen Ausläufern der Insel, auf denen Bananenwälder als Monokultur kilometerweit die Landschaft verunstalten. Kaufen die Einheimischen in Buenavista bio Produkte?

Buenavista, Blick in einen privaten Garten von einem Wohnhaus. Jeder Quadratmeter Grund in Höfen und Gärten wird genutzt für Obst und Gemüse: Wo keine Kartoffeln gedeihen, wachsen zumindest Orangen, Papaya oder Feigen. Zäune werden verschönt mit Weinstöcken.

Privater bio Honig

„Wir kaufen kein bio, wir machen bio!“ Manuel lacht verschmitzt. In seinem Ort baut fast jede Familie etwas an für den sonntäglichen Mercadillo. Private Ware wird sogar im lokalen Supermercado angeboten.
Neugierig besuche ich Buenavista auf einer spontanen Fahrt in den Norden und werfe so manchen Blick in die Gärten der Hausanlagen. Tatsächlich entdecke ich überall Nützliches: Feigenbäume wuchern neben Orangen, kleine Kartoffeläcker grenzen an Zäune mit Weinreben. Jeder Quadratmeter private Erde wird genutzt.
Manuels Schwager hat Bienen. Zwar leidet dieser an einer Allergie gegen Bienenstiche. Doch die hält ihn nicht ab von seinem kleinen Business. Gegengift hat steht immer im Schrank, für den Notfall. Manuels Schwager gewinnt bio Honig von kräuterreichen Wiesen der Teno-Hänge. Das würde er sich auch durch nichts in der Welt verbieten lassen.

Rezeptionist Manuel bringt mir privaten Teneriffa-Honig ins Hotel. Sein Schwager hat einen Bienenstock.

Manuel bringt mir ein halbes Kilo Familienhonig ins Hotel. Die lavaflüssige Köstlichkeit ähnelt farblich dunklem Kiefernharz. Der Honig duftet nach ätherischen Ölen. Würzig schmeckt er, der private Teneriffahonig, mit zartbitterer Note. Es freut mich, dass die Bananenplantagen südlich von Buenavista offenbar keinen Einfluss haben auf die Bienenpopulation von Manuels Familie. Spanische Bauern sind nicht gerade zimperlich mit Pestiziden. Bleiben professionelle Umweltgifte für den Bananenanbau begrenzt auf die Felder? Wird Buenavista durch Fallwinde abgeschirmt von der konventionellen Landwirtschaft? Manuel geht es gut, er macht auf mich einen fitten und fröhlichen Eindruck. Seine Eltern sind leider nicht sehr gesund. Manuels Mutter leidet an neurologischen Störungen, sein Vater hat Schmerzen in allen Gelenken. Ist das nur das Alter? Manuels Vater hat einen Garten. Er baut Kartoffeln an und Gemüse. Den alten Geräteschuppen hat er einem Nachbarn vermietet – für einen Ziegenkäse pro Monat.

Wilde Kaktusfeigen

Wilde Opuntien mit reichen Früchten in Teneriffa
In Teneriffa wuchern Opuntien wild. Ihre Kaktusfeigen kann man pflücken und essen – sie sind sehr süß und reich an Antioxidantien. Aber Vorsicht! Die Stacheln der Kakteen sind sehr lang und hart!

Manuel bringt mir Kaktusfeigen in einer Plastiktüte mit. Wie Unkraut wuchern eingebürgerte Opuntien mit zentimenterlangen Stacheln in nicht allzu hohen Lagen. Auf der gewundenen Bergstraße von Buenavista nach Masca wird es stellenweise sogar rutschig, denn die wilden Kaktusfeigen rollen reif vom Hang auf den Asphalt. Die Kaktusbüschel sind überreich an Früchten. Jeder kann sie pflücken. Insider benutzen eine Manija für die Ernte, das ist eine praktische Holzzange. Mit ihr kann man tief in die Kaktuswuschel hineingreifen.

Rote Kaktusfrucht unweit von El Puertito. In der Casa Alta von Arona habe ich mir eine Manija ausgeborgt. Man erreicht damit auch Früchte, die mitten in den Kakteen für den ausgestreckten Arm unerreichbar wären.

Pieksen die Kaktusfrüchte nicht beim schälen? Manuel kennt einen Trick, den hat er von seiner Mutter gelernt: Nach dem Pflücken muss man sie mit einem „Hexenbesen“ hin- und herrollen. So brechen die Stacheln ab. Schmerzfreier Genuss wird möglich. Leider sind die besonders gesunden roten Kaktusfrüchte ganz besonders stachelig.
Ich probiere den Trick von Manuels Mutter, kaufe dafür extra einen Hexenbesen in einer Ferreteria, und tatsächlich verarbeiten sich die gekehrten Kaktusfrüchte leichter. Dennoch: Ohne meine Pinzette, mit denen ich normalerweise meine Augenbrauen faconniere, wäre ich aufgeschmissen. Die kleinen Stacheln haben Widerhaken. Einmal eingebohrt in die Haut sitzen sie so fest, man bekommt sie kaum noch herausgepuhlt aus der Hornschicht seiner Finger.

Fies, aber effektiv: Die Widerhaken auf den Stacheln der Opuntien hat die Natur als Überlebensmechanismus erfunden. Tiere sollen die Früchte transporieren, möglichst weit. Die Stacheln haken sich zäh fest in der Hornhaut, man sollte sich niemals ohne Pinzette an die Früchte heranwagen.

Ein wenig demotiviert bin ich, nachdem ich den dritten Kaktushaken aus meinem Daumen herausoperiert habe. Meine Kaktusfruchternte im grünen Eimer beginnt zu schrumpeln. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen. Immerhin sind es wertvolle Antioxidantien, die da vor sich hinwelken. Sportlich wäre, die Früchte sofort zu schälen und ihr Fleisch gleich zu verarbeiten. Ob ich mich wohl noch in diesem Urlaub dazu aufraffen kann? Meine sonnengebräunte Haut würde es mir danken.

Ziegenkäse ohne Zertifikat

Frischen Ziegenkäse kann mir Manuel auch besorgen, versichert er, von einem Nachbarn. Da ist alles bio, schwört Manuel, wenngleich auch nicht offiziell. Niemand setzt freiwillig Pestizide ein, ist sich Manuel sicher.
Kuhmilchprodukte kann Manuel leider nicht ergattern. Früher, da hatte fast jede Familie ein bis zwei Kühe, erinnert er sich. Mit den EU-Regulatorien wurde das zu kompliziert. Ohrmarken, Impfungen, Kosten für den Tierarzt, Naturschutz … die Nachbarn haben ihre Kühe weggegeben.
Milchkühe gibt es wohl noch auf der Insel, in Santa Ursula. Manuel erinnert sich an einen Bauern, er beliefert die örtliche Molkerei für Käse. Den bekommt man im Supermercado. Frische regionale Kuhmilch? Vielleicht sogar bio? Gibt es das auf Teneriffa? Manuel kennt niemanden, der so etwas verkauft.
Bei meiner Fahrt rund um die Insel komme ich auch durch den Bezirk Santa Ursula. Ich sehe nirgends Kühe. Wo sind sie, die angeblichen Teneriffa-Milchproduzenten? Gibt es hier gar keine Freilandhaltung? Wie sieht das bei Ziegen und Ziegenmilch aus?

Kanarische Ziegen

Ziegen und ihr Käse funktionieren in Teneriffa wie Tauschwährung. Eindrucksvoll lerne ich die Macht von Käse in einer gesunden Dorfgemeinschaft kennen. Carmen kam vor einigen Jahrzehnten mit ihrem Mann aus La Gomera nach Teneriffa. Sie versorgte die ganze Region mit Ziegenkäse von frei weidenden Tieren. Seit dem Tod ihres Gatten kümmert sie sich allein um rund hundert Ziegen. Als verspielte Herde mit Mutter, Vater und vielen Zicklein leben sie in einer Koppel auf Lavaerde. Weidehaltung auf den Hängen des Teide geht leider nicht mehr, große Regionen von Teneriffa stehen heute unter Naturschutz.

Glückliche Ziegenfamilie: Carmen teilt die Milch für ihren Käse mit den Zicklein ihrer Melktiere. Sie leben als Herde in einer offenen Koppel auf Lavaerde, Auslauf in das umliegende Naturschutzgebiet ist heutzutage verboten.

Unterstützt bei ihrer Arbeit wird Carmen von Nachbarn und manchmal auch ihren Kindern. „Mir tut alles weh“ klagt sie, auf ihren schmerzenden Rücken zeigend – „nur die Zunge nicht“. Carmen lacht laut. In ihrer winzigen Molkereibaracke neben der Ziegenkoppel macht sie täglich frischen Käse. Bis zu zehn Laibe gewinnt sie aus der Milch. Mit einer Krücke schleppt sie die frischen Käse in einen kleinen Laster und fährt damit zu ihrer Wohngarage.

Kanarischer Ziegenkäse, echte Handarbeit von Carmen auf Teneriffa.
Stolz zeigt mir Carmen zwei große, frische Käselaibe. Sie hat alles selbst gemacht – die Ziegen hat sie gemolken, die Milch verarbeitet, den Käse in Formen gepresst … jetzt tut ihr Rücken weh. Tapfer lässt sie sich die Schmerzen sich für das Foto nicht anmerken.

Es warten schon sieben Nachbarn, als Carmen aus dem Auto humpelt. Neben ihrem Wohnhaus hat sie eine Garage als Wohnküche, Käseladen, Cafeteria, Lagerraum und soziokulturellen Treffpunkt eingerichtet. Ich fühle mich willkommen geheißen in einem Gesamtkunstwerk. Carmen öffnet ihr Refugium, alle sind willkommen. Jetzt gibt es Kaffee und Kuchen – mit einem guten Schuss euterfrischer Ziegenmilch. Carmen kocht sie in einem alten Milchtopf – die gelbe Kruste am Rand ist schon zentimeterdick. Feierlich öffnet Carmen ihren Käsekühlschrank. Stück für Stück reibt sie die Frischkäselaibe liebevoll trocken. Sie werden in Küchentücher verpackt, bevor sie einzeln in Plastiktüten wandern. Jeder Besucher darf einen Käse kaufen. Ob Carmen auch für mich einen hat? Oh je, nein, alle Käselaibe sind vorbestellt. Wirklich? Alle?

Soziokultureller Teffpunkt Wohngarage: Carmen verbindet Ziegenkäseverkauf mit Kaffeekränzchen und Regionalfunk.

Ich bitte um ein Glas Frischmilch. Carmen macht große Augen. „Crudo?“ Fast ängstlich blickt sie in die Runde. Jemand will freiwillig rohe Ziegenmilch trinken, das erscheint unheimlich für sie. Nickende Köpfe geben den Anstoß: Carmen schenkt mir eine Tasse euterwarme Milch ein. Sie schmeckt köstlich süß und sahnig. Sie macht fröhlich. Ein bisschen Zickleinspucke schwimmt hoffentlich noch darin. Das regt Glückshormone an.

Ob das denn Biomilch ist, will ich gerne wissen. Naja, fast. Den Ziegenmist liefert Carmen an Biobetriebe, als Dünger. Sie bekommt im Gegenzug übrig gebliebenes Grünzeug. Carmen füttert ihre Ziegen aber auch mit Bananen vom Nachbarn ohne bio-Zertifikat. Es gibt Probleme mit Grünfutter. Der Regen wird schon seit Jahren immer weniger. Carmen bekommt zu wenig frische Grünpfanzen für die Ziegen. Sie muss Getreide zufüttern. Das ist nicht bio. Die Ziegen haben deswegen auch weniger Milch.

Alles picobello: In Carmens Minimolkerei gibt es kein Krümelchen Schmutz. Welches Wasser nutzt Carmen für den Abwasch? Womit putzt sie ihre Werkzeuge?

Zum Abschied bekomme ich doch einen halben Ziegenkäse. Er schmeckt sehr frisch und fein. Ein Hauch Chlor bleibt auf der Zunge. Teneriffa und Chlorreiniger, das ist eine Liebesgeschichte. Fast scheint das Aroma zum guten Geschmack der Insel zu zählen. Sauberkeit und Hygiene stehen ganz weit oben im sozialen Ansehen. Sobald Carmen ihre frische Milch zu Käse verarbeitet hat, wird alles peinlichst gereinigt. Kommen so kleine Reste vom Chlorreiniger in den Käse? Oder vielleicht Chlor aus Leitungswasser? Niemanden stört es.
Carmens Adresse darf ich in meinem Artikel nicht verraten. Sie hätte sowieso keinen Käse für Touristen – ihre rare Ware geht restlos in die Dorfkultur ein.

Carmens kreativ gestaltete Ziegenfarm ist tierfreundlich und ressourcenschonend gleichzeitig. Doch leider hat Carmen keine Nachfolger. Ihre Kinder interessieren sich nicht sehr für die schwere Arbeit. Immer wieder hat Carmen schon angekündigt, dass sie ihre Ziegen verkaufen wird. Wo werden die Tiere unterkommen, wenn Carmen eines Tages die gewichtigen Käselaibe nicht mehr tragen kann?

Ziegenprodukte für Touristen

Größere Mengen Ziegenkäse, geräuchert, frisch oder gewürzt, verkauft die Käserei Montesdeoca. Touristen finden ihre Verkaufsstände in den Markthallen von Adeje und Valle San Lorenzo. Frische, ungekochte Milch bekommt man ab Hof in Tijoco Bajo. Achtung, der Anfahrtsweg führt steil bergauf!

Der Ziegenstall des Milchhofs Montesdeoca erscheint weniger komfortabel als das Ziegengatter von Carmen: Die Zicklein leben getrennt von den Muttertieren, der Boden ist aus Beton, Spielzeug fehlt. Dafür ist aber der Vertrieb der Milchprodukte wesentlich professioneller organisiert. Montesdeoca Produkte kann man auch als Tourist erwerben, in Markthallen und guten Lebensmittelstores.

Die Montesdeoca-Produkte sind nicht bio-zertifiziert. Daniel ist Betreiber in dritter Generation. Würde er zertifiziertes Biofutter kaufen und seinen Betrieb zertifizieren lassen, müssten die Milchwaren teurer werden. Sie wären dann zu teuer für die Einheimischen. Es würde zu Umsatzeinbrüchen kommen. Die Preise der Käserei sind sowieso schon im oberem Niveau angesiedelt: Drei Euro für einen halben Liter Joghurt, zwei Euro für ein Päckchen Ziegenbutter – in Deutschland sind Ziegenmilchprodukte auch im Biosegment nicht teurer. Höhere Preise sind nicht im Sinne des Unternehmens und auch nicht im Sinne der Kunden. Auf bio legen die Einheimischen nicht sehr viel Wert. Es sind eher die Extranjeros, die nach bio fragen.

Frischmilch von Montesdeoca schmeckt sehr gut – sie ist bestens verträglich. Nach „Ziege“ riecht sie kaum. Ich kaufe mehrere Liter, trinke Milch ungekocht, nie bekomme ich Durchfall. Sie ist bestens haltbar. Erst nach einer Woche im Kühlschrank wird die Milch säuerlich. Sie schmeckt dann sogar noch besser. Flüssig, leicht spritzig, mit einem Löffel von Manuels Honig, ist die saure Ziegenmilch ein köstlicher Frühstücksdrink. Sind etwa Antibiotika in der Milch die Ursache für ihre gute Haltbarkeit? Daniel versichert, seine Ziegen bekommen gar keine Antibiotika. Der Einsatz von Medikamenten ist in Teneriffa wohl streng reglementiert. Man muss Buch führen über die Antibiotika und einen Tierarzt beiziehen. Das lohnt sich gar nicht für ihn. Sind es nicht vielmehr die gesunden Bakterien in der rohen Milch, die sie vor einem „Umkippen“ durch schlechte Keime schützen?

Für eines der Zicklein geht bald das Licht aus: Ich bestelle Festbraten beim Ziegenhof Montesdeoca. Ein ganzes Tier wird extra für mich geschlachtet.


Daniels Ziegen bekommen Mischfutter: Abfälle von Biofarmen, Kräuter von Teneriffa, Heu und Getreide vom Festland. Sie leben in einem halboffenen Pferch mit Betonboden. Die Zicklein werden getrennt von den Müttern gemästet. Ihr helles Meckern hallt herzzerreissend über den Hof. Ob ich wohl eines davon erlösen kann von seinem Schicksal? Man kann für mich ein Zicklein schlachten, bietet man mir an. Ich muss aber das ganze Tier nehmen, ausgenommen, in vier Teile zerlegt und gehäutet. Ob ich den Kopf denn auch mitnehmen möchte, werde ich vorab gefragt.

Fleischbeschau mal anders: Während andere Hotelgäste in der Sonne braten, bereite ich das frisch geschlachtete Zicklein für den Ofen vor.

Zicklein, das ist ein Festessen in Teneriffa, ein traditioneller Weihnachtsbraten. Ich bestelle ein kleines Tier für meinen Backofen. Meine Freundinnen aus München kommen zum Dinner. Es duftet köstlich, frisch nach Knoblauch, gar nicht nach Zicklein. Igittigitt, Ziege, so etwas essen sie im Leben nicht! Ich brate Tofuwürstchen für sie, damit sie nicht hungrig nach Hause gehen.

Milchprodukte oder doch lieber Paleo?

Während meines Urlaubs ist es mir leider nicht gelungen, frische regionale bio-Milch oder bio-Milchprodukte von Teneriffa zu finden. Weder von der Kuh, noch von der Ziege, schon gar nicht von den raren Kamelfarmen. Vielleicht sollte man seinen Urlaub auf der Insel zum Anlass nehmen, endlich mal mehr Gemüse und Obst zu essen? Paleo Ernährung ist sehr gesund. Sie lässt sich auf Teneriffa perfekt umsetzen, und schreibt ohnehin Ernährung ohne Milchprodukte vor.

Die kanarische bio Milchalternative

Die beste vegane Milch-Alternative aus Teneriffa ist das milchige Getränk Alpiste. Der Auszug von Kanariengras-Samen schmeckt weich und ein bisschen ölig. In Deutschland ist diese vegane Milchalternative unbekannt. Wir verwenden Alpiste Samen nur als Tierfutter für Kanarienvögel. In Spanien jedoch hat man Alpiste entdeckt als gesunde und glutenfreie Alternative zu Hafer. Alpiste-Drinks im Tetrapack bekommt man in ausgewählten Reformhäusern. Alpiste-Körner führen manche Herbolarios für Insider unter der Ladentheke.

Alpiste Körner, glutenfrei. Man kann sie ähnlich wie Hafer verarbeiten – als Getreidebrei, vegane Milchalternative oder auch gekocht als Beilage.

Der Bioladen in Teneriffa

Was man in Deutschland als Reformhaus kennt, heißt auf Teneriffa „Herbolario“, sinngemäß Kräuterladen. Typischerweise ist ein Herbolario privater Einzelhandel, betrieben meist von medizinisch versierten Frauen. In Herbolarios findet man individuell sortierte verpackte Ware: Tee, Kaffee, Gewürze, Öle Nahrungsergänzung. Dazu Säfte, Marmeladen, selten eine Kühltheke mit Margarine neben Tofu-Produkten. Frische bio Ware ist in Herbolarios rar.

La Botika de la Salud in Los Christianos - Inhaberin Tere mit Melone im Arm.
Inhaberin Tere steht jeden Tag selbst in ihrem kleinen Tante-Emma Bioladen in Los Christianos. Ihr Produktportfolio ist so bunt wie sie: Himalayasalz und Naturkosmetik, Alpiste Körner und veganer Streichkäse, Bio Gemüse und frische Landeier.

Einen bio Tante Emma Laden, ähnlich zu privaten Bioläden in Deutschland, habe ich bisher nur in Los Christianos entdeckt. „La Botika De La Salud“ heißt das Geschäft unweit der katholischen Kirche. Gründerin Tere war früher Köchin in einem Pauschalhotel. Sie kennt die Marktlücke, die sich aufgetan hat zwischen Hotellerie und gesunder Ernährung in Teneriffa. In ihrem winzigen Geschäft stapeln sich persönlich ausgewählte bio-Produkte aus aller Welt. Daneben bietet sie eine liebevoll bestückte Auslage von regionalem bio Obst und Gemüse. Auch frische Eier und Fleisch kann Tere bestellen. Sie liefert sogar auf Anfrage ins Hotel.
Parkplatz gibt es leider keinen vor ihrem Laden. Deshalb ist es für Tere auch gar nicht so einfach, regionale Lieferanten zu finden. Wer als Produzent einen längeren Fußmarsch in Kauf nehmen muss, um Frischware anzuliefern, verkauft lieber an Supermärkte. Doch der gute Ruf von Teres Geschäft hallt weithin über die Insel. Als ich ihr Lädchen zum ersten Mal erkunde, zeigte gerade ein junger Unternehmer aus den Norden Tere sein einzigartiges Produkt: Glutenarmes bio-Brot aus Getreide von Teneriffa. Tere hat es in ihr Sortiment aufgenommen. Es schmeckt köstlich.

Bio Obst vom regionalen Farmer

Manolo betreibt die bio-Finca Benahoritas in Cabo Blanco. Die alten bio-Mangobäume geben prächtige Ernten. Manolo verkauft sie auf dem Agromercado in Adeje.

Manolo hatte es nicht leicht im Leben. Er wuchs auf als Bauernsohn einer konventionellen Finca im Süden von Teneriffa. So lernte er die harte Arbeit auf dem Feld kennen. Später erfüllte er sich einen Traum: Er kaufte eine Immobilie in Los Christianos und eröffnete einen Shop für Luxus-Jeans. Einige Jahre lief das Business blendend. Doch dann kam die Krise. Manolo musste schließen.

Manolo besann sich sprichwörtlich auf seine Wurzeln. Mit einem Partner pachtete er eine bio-Finca unweit von Adeje. Einige Jahre ging das gut. Dann grub ihm sein Partner das Wasser ab. Er kaufte dem alten Landbesitzer die Wasserrechte der landeigenen Quelle ab. Das Wasser verkaufte er teuer. Für die Felder von Manolo blieb nicht genug übrig.

Manolo fing noch einmal neu an. Unterhalb der Finca seiner Kindheit stand bio-Land zur Pacht zur Verfügung. Der Farmer ist schon zu alt für die Bewirtschaftung. Seine Tochter pflegt ihn, sie wollte keine Bäuerin sein. Sie behielt nur privat einen kleinen Hühnerstall. Den Rest des Landes übergab sie vertrauensvoll an Manolo. Der krempelte die Ärmel seiner teuren Poloshirts hoch und ackerte, was das Zeug hielt. Das Land hatte bereits die Voraussetzungen zur bio Zertifizierung. Manolo musste es „nur“ noch urbar machen.

Große Teile der alten Beete sind verwildert. Prächtige Zitronenbäumchen sind von Läusen befallen. Sie gehen nicht ein davon, erklärt mir Manolo, aber sie sind nicht „happy“. Die Blätter sind verkrüppelt. Ein paar mickrige Zitrönchen hängen an den Zweigen. Manolo düngt die Bäume liebevoll mit Ziegenmist, damit sie sich erholen können. Parallel dazu hat er große Spaliere gebaut für Physalis. Schon in einem Jahr werden die Kletterpflanzen reiche Früchte tragen, hofft er. Die Zäune der Finca nutzt er als Stütze für Maracuja.

Maolos bio-Felder sind überwuchert von Unkraut. Steine liegen darin. Furche für Furche zieht er in den trockenen Boden, um ihm Gemüse für den Markt abzutrotzen. Melonen und Salat wechseln ab in der Fruchtfolge.
Mitarbeiter hat Manolo keine. Sein junger Sohn hilft ihm bei der Arbeit. Der ist leider wenig begeistert von seinem Job. Als Teenager hat er andere Sachen im Kopf als Landwirtschaft. „Den ganzen Tag hockt er auf dem Sofa“ jammert Manolo. Um den Jungen weg von der Playstation auf die Felder zu locken, engagierte er dessen Kumpel als Hilfskraft. Zu zweit bringen sie nun Musik aufs Feld. Im Takt von Popsongs aus dem MP3 Player werden junge Pflänzchen in frischen Ziegendung gesetzt.

Manolos Cherrytomaten landeten auf dem Kompost: Der Sommer brachte zu viel Hitze und zu wenig Wasser. Das vertrocknete Tomatenheu tauscht Manolo beim Ziegenhof Motesdeoca gegen Dung.

Große Teile von Manolos landen derzeit noch auf dem Kompost. Als ich ihn besuche, liegt ein Berg Tomatenstauden mit halbreifen Früchten neben dem Eingang zum Gemüsegarten. Sie sind zu schnell gewachsen, es war zu heiß. Gleichzeitig hat Manolo die Wassermenge nicht richtig eingeschätzt. Die Tomaten schmeckten faulig. Auch das Pak Choi Beet sieht traurig aus.
Bio Anbau erfordert Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung. Manolo nimmt die Risiken gerne in Kauf. Er kennt die Nachteile von konventioneller Landwirtschaft aus seiner Kindheit. Er möchte nicht, dass sein Sohn mit Pesiziden und Chemie aufwächst. Zudem hat Manolo die vielen Dauergäste auf Teneriffa im Auge. Die „Überwinterer“, die Rentner und die Auswanderer aus Deutschland, England, Russland. Sie bringen Geld und Bildung mit. Viele von ihnen ernähren sich sehr bewusst, manchmal sind sie kränklich und deshalb kaufen sie Bio. Die Preise für Bio sind deutlich besser. Und das muss auch so sein. Sonst könnte Manulo nicht überleben. Alleine für den Haufen Ziegenmist hat er schon 200 Euro hingeblättert. Das Wasser ist teuer. Die Bewässerungsanlagen sind teuer. Wenn Regen ausbleibt, wie in den vergangenen Jahren, wird der Anbau noch teurer. Dann muss Wasser zugekauft werden. „Staatliches Wasser ist schlecht“ weiß Manolo. Da sind kaum Mineralstoffe drin. Noch komplizierter ist es mit Meerwasser aus Entsalzungsanlagen. Sie sind chemisch so rein, dass große Mengen bio-konforme Mineralstoffe beigemischt werden müssen.

Manolo verkauft seine bio-Ware auf dem Wochenmarkt in Adeje. Jeden Samstag und Sonntag, manchmal auch Mittwoch nachmittag. Oft bringt er Produkte von anderen Farmen aus dem Bergland mit: winzige Äpfel und herbe Orangen, gerne auch bunte Papaya. Für Kenner hat Manolo eine Geheimwaffe: in seinem Obstgarten wachsen die aromatischsten Mangos der Insel. Sie sind zuckersüß und schmecken so, wie Gott sich das wohl vorgestellt hat, als er Mangos gemacht hat.

Als Produzent verkauft Manolo seine Ware im Agromercado von Adeje. An Samstagen ist er immer persönlich vor Ort. Manchmal trifft man ihn auch Mittwoch und am Sonntag an. Manolo hat viel Stammkundschaft. Sein Tresen steht ganz links, in Parkplatznähe. Eine ganze Reihe der Marktstände ist bio-Landwirtschaft gewidmet.

Manolo träumt von einem eigenen Gemüseladen. Sein ehemaliger Shop steht leer. Am liebsten würde er dort eine bio zertifizierte Fruteria aufziehen. Doch derzeit hat er davor noch Scheu – er sieht zu viele Probleme. Die Steuern wären dann viel höher. Er wäre abhängig von Urlaubszeiten. Und er müsste Mitarbeiter beschäftigen.

Sorgen bereitet Manolo die Zukunft des Landes: Es gibt so viele Grundstücks-Spekulanten. Unterhalb von seiner Farm wurden gerade wieder große Felder an Immobilienhaie verkauft. „Überall sind Lügner“, weiß Manolo. Ob der Besitzer seiner Farm dessem Land behalten wird, damit Manolo Pächter bleiben kann?

Kanarischer Fisch aus dem Meer

Eine reiche Fischtheke hat das Restaurant Sal Negra im Vergnügungszentrum San Telmo von Los Christianos. So lecker sie auch aussehen: Die Fische stammen nicht von den kanarischen Inseln! Das Restaurant Sal Negra bezieht seine Ware von einem Fischhändler in Santa Cruz, der im Hafen von Santa Cruz Weltware einkauft.

Wer hat in Teneriffa die besten Informationen über Land und Leute? Die deutsche Friseurin Ingrid in Los Christianos. Ingrid kennt jeden und weiß alles. Sie lebt schon seit zwanzig Jahren auf Teneriffa. In den Norden wollte sie nicht, das war ihr zu deutsch dort. Da hätte sie gleich in Düsseldorf bleiben können. Doch im Süden fühlt sie sich pudelwohl. Gerne gibt sie Tipps an ihre Stammkundinnen weiter.
Wo kann ich frischen kanarischen Fisch bekommen?“ Während Ingrid meine meerwassergebleichten Spitzen faconniert, hoffe ich auf Infos über geheime Anlegeplätze. Regionale Fischer möchte ich finden, die ihre fangfrischen Waren des Tages verkaufen.

Der Mercadona hat guten Fisch“ weiß Ingrid.

Mercadona? Die größte Supermarktkette von ganz Spanien! In den Mercadona-Regalen von Teneriffa finde ich keine bio-Produkte. Da soll es frischen, kanarischen Atlantikfisch geben?
Es kommt auf die Fanggebiete an, erklärt Ingrid. FAO 27 bis 41 sind in Ordnung: Atlantik und Mittelmeer. Teneriffa ist FAO 34. Alles andere kann man vergessen, schimpft sie. Fisch aus dem Pazifischen Ozean? Nein danke! Alles verseucht. Auf Dorada und Lubina verzichtet Ingrid auch, auf Lachse sowieso. Sie kommen aus Fischzuchten. Die großen Zuchtbecken im Meer kann man sogar sehen vor der Küste von Teneriffa, wenn man weiß, wo sie sind. Aber warum der Mercadona?

Unweit vom Hafen von Los Christianos stehen ein paar Verkaufsbüdchen. Drei Ständchen mit Fisch locken Touristen an. Ich hatte gedacht, das sind Fischer von Los Christianos. Doch Friseurin Ingrid raubt mir alle Illusionen. Hier wird Weltware aus Santa Cruz verkauft. Montag ist Ruhetag.

Fischhütten am Hafen von Los Christianos wirken authentisch. Bekommt man hier keine Ware von Fischern aus Los Christianos? Ingrid verneint. Das sind keine Fischer, die in diesen Büdchen ihren Fang anbieten, sondern Händler. Sie kaufen ihre Ware in Santa Cruz. Da ist alles dabei. Die Verkäuferinnen sprechen nur Spanisch und sie lügen, warnt Ingrid. Erst neulich hat sie herausgefunden, dass angebotene Fische aus FAO 34 in Wahrheit aus dem Pazifik kommen. Bei ihrem Mercadona hingegen gibt es zwei nette Verkäuferinnen, die sind ehrlich, ist Ingrid sicher. Für sie als Stammkundin wird auch gerne ein Stück auf die Seite gelegt, wenn schöne FAO 34 Fische hereinkommen.

Friseurin Ingrid glaubt an das saubere Klima von Teneriffa und die gute Qualität der Meeresbewohner. Doch auch hier bleibt man nicht verschont von Luftverschmutzung. Hier: Abgasschwaden über dem Hafen von Los Christianos.

Ein großer Mercadona findet sich neben Adeje, er liegt in einem eher uncharmanten Industriegebiet. Ich will es genau wissen: Wie sieht die Fischtheke in diesem Einkaufstempel aus?
Wunderschöne blaue Augen auf Eis leuchten mich an. Unter dem Schildchen „Variado Canario“ werden fangfrische regionale Fische angeboten. Pipifein sieht es hier aus, alles ist sauber und frisch. Ich entscheide mich für Caballa Estornino, eine kanarische Makrele. Sie ist schön klein, passt gut in meine Appartment-Pfanne. Wen auch immer ich frage auf Teneriffa – wie aus der Pistole geschossen sagen mir die Einheimischen: Guten Fisch hat Mercadona. Respekt! LIDL, nimm dir ein Beispiel.

Was passiert wohl mit den fangfrischen Fischen der kanarischen Fischer? Sie sind größtenteils vorbestellt von Restaurants, seufzt Ingrid. Da kommt man als Tourist nur in zubereiteter Form heran. Und Restaurants? Die Fischrestaurants in Los Christianos und Playa de las Americas findet Ingrid viel zu teuer. Guten, fangfrischen Fisch isst sie im Fischerdörfchen San Miguel de Tajao und in Las Galletas.

Unscheinbare weiße Büdchen finden sich entlang der Einfahrtstraße in las Galletas. Sie sind bestimmt für Fischer. Jeden Morgen ab acht Uhr stehen regionale Fische bereit für den Verkauf an Privatpersonen. Ich bin zu früh, es ist erst sieben Uhr.

Wo es Fischer gibt, sollte man auch Fisch kaufen können, hoffe ich. Noch vor Sonnenaufgang springe ich in mein kleines Urlaubsauto. Ich fahre nach Las Galletas, von Los Christianos aus braucht man eine knappe Viertelstunde auf der Landstraße. Die blaue Stunde erhellt meine Ankunft an der Südküste. Frühe Bars haben schon geöffnet, ein einsamer Surfer wartet auf einem Felsen auf Licht. Ich gönne mir einen Americano, er schmeckt nach alten Schuhen, und frage am Tresen nach Fischern. Niemand spricht Englisch, mit etwas Mühe kann ich mich verständlich machen. Ein nettes Bargirl zeigt mir verschlossene Fischerbüdchen, sie warten entlang der Landstraße auf ihre Öffnungszeiten. Woher kommen die Fischer? Wo sind ihre Boote?
Ich höre metallisches Rumpeln, es scheppert aus Richtung Hafenpromenade. Ein Einkaufswagen rollt das Pflaster entlang. Darin glänzen dicke Thunfische. Hola, rufe ich dem Mann zu, der den Einkaufswagen schiebt. „Sind das Fische für ein Restaurant?“ No, no, winkt der Mann ab. Er heißt Angel. Die Fische hat er gerade gefangen – für den Verkauf in seinem Marktstand. Ab acht Uhr kann ich kommen.

Hola, sind das Fische für ein Restaurant? „Was will die Frau, wer ist sie und warum fotografiert sie mich?“ Angels skeptischer Blick gilt meiner Kamera. Ich erkläre „articulo, internet, vida sana, Teneriffa“.

Angel fährt jede Nacht aufs Meer. Drei, vier, auch mal acht Stunden fischt er. Jeden Tag öffnet er seinen Marktstand, Sommer wie Winter. Heute hat er neben prächtigen Thunfischen auch zwei glänzende Petos mitgebracht. Einen kräftigen Kiefer haben sie, mit scharfen Zähnen. Raubfische offensichtlich. Wahoo heißt der Fisch in deutscher Sprache, ein Stachelflosser aus der Familie der Thunfische. Sehr erfreut. An seinem kleinen Stand filetiert Angel die Petos. Blut spritzt in alle Richtungen. Köpfe und Nackenstücke legt er beiseite. Ob ich daraus Fischsuppe machen kann? Aus den Köpfen der Petos schon, meint Angel, und zerhackt mir die harten Köpfe in kochbare Stücke. Vorher scheucht er mich weg von seinem Stand, damit mich kein Knochensplitter trifft. Ich bezahle vierzehn Euro für einen Riesensack Fischkopfstücke. Das sollte reichen für ein Festessen mit vier Personen. Ein kleines Thunfischfilet schenkt mir Angel dazu, als Kostprobe.

Angel ist Fischer in Las Galletas. Schon seine Großeltern waren Fischer, auch seine Kinder treten in die Fußstapfen der Vorfahren. An seinem Stand neben der Strandpromenade filetiert er einen Peto, auf Deutsch heißt der Raubfisch Wahoo. Kopf und Nacken des Peto hat mir Angel für Suppe vorbereitet.

Neben Angel verkauft seine Kollegin Juana Makrelen und Sardinen. Ob sie auch Fischerin ist, will ich wissen. Juana lacht. Sie fährt nicht auf das Meer. Sie ist Händlerin. Sie kauft den Fischern ab, was die Restaurants übrig lassen und bringt kleine Fische auf den Markt. Auch ihre Ware hat Fans, schnell sind die Sardinen ausverkauft. Ob es Fischerinnen in Las Galletas gibt? Eine Frau hat wohl ein eigenes Boot, erfahre ich. Fischen für eine Frau, das ist hier eher nicht üblich. Die schweren Trümmer von zappelnden Fischen muss man erst einmal in das Boot gehievt bekommen, dafür braucht man Muskeln.

„Ist Angel dein Mann?“ Juana grinst. Sie ist selbstständig als Fischhändlerin, Angel ist ein netter Kollege. Sardinen verkauft sie, und Makrelen. Sie bekommt ihre Ware von Fischern aus Las Galletas.

Im Internet finde ich ein Rezept für kanarische Fischsuppe, mit Lorbeer und Weißwein. Mal sehen, was das wird, mit dem Kopf vom Wahoo. Klingt irgendwie nach High Speed Performance, dieser Fisch.
Was hätte Angel mit dem Fischkopf gemacht, wenn ich ihn nicht gekauft hätte? Innereien aus dem Peto wirft er hungrigen Möwen vom Strand in den Schnabel, sie fangen die blutigen Fetzen noch im Flug. Doch die meisten Reste, die sich nicht filetieren lassen, landen in einer Tonne mit dickem, grauen Müllsack. Ist das alles Basura? Gegenüber vom Markt wartet ein dunkler Container. Könnte man die wertvollen Proteine nicht verwerten als Tierfutter?

Mein wildes bio Fischdinner mit Zutaten aus Teneriffa

Teneriffa bio Abendessen für vier Personen: Kanarische Fischsuppe aus dem Kopf eines Peto, Salat mit Koriander, ungeschwefelter Weißwein und Limonade, dazu Kartoffelchips. Zum Nachtisch gibt es Obst.

Hauptspeise: Kopf und Nacken eines Peto vom Fischmarkt Las Galletas (täglich). Paprikapulver, Pfeffer, Olivenöl, gelbe Zwiebeln und grobes Meersalz von Tere aus der Botika de Salud in Los Christianos. Mittelscharfe Paprika, Petersilie, Lauch und Lorbeerblätter von Nieves´ Marktstand im Mercado del Agricultor Valle San Lorenzo (Samstag/Sonntag). Süßkartoffeln von Manolos Marktstand im Agromercado Adeje (Samstag/Sonntag). Tomatenpassata aus dem Glas von Carrefour in Santa Cruz.
Beilagen: Grüner Salat mit Koriander und Paprika, alles von Nieves aus Valle San Lorenzo. Den Rotweinessig für den Salat fand ich im Bioregal von Tu Trebol. Olivenöl-Kartoffelchips von Carrefour.
Getränke: Ungeschwefelten bio Weißwein aus der Bodega Vento entdeckte ich auf dem Wochenmarkt von Los Christianos (Donnerstag). Die Limonade besteht aus seltenen gelben Limetten, erkämpft bei Manolo im Agromercado Adeje. Dazu Pfefferminze und Rosmarin von Nieves, Mercado del Agricultor Valle San Lorenzo. Deutsches Mineralwasser von Staatl. Fachingen aus der Glasflasche von Tu Trebol.
Nachtisch: Granatäpfel und gelbe Orangen von Manolo, Agromercado Adeje. Avocados und Guaven von Carlos´ Finca Niguaria, Markthalle Valle San Lorenzo. Mangos von Jose Carlos aus Guia de Isora, gekauft am Wochenmarkt von Playa San Juan (Mittwoch).

Das Fischrestaurant im Süden

Der regionale Fisch Cherne hat weißes, saftiges Fleisch. Ein großer gegrillter Fisch reicht für drei bis vier Personen. Im Restaurant Abordo in Los Christianos haben sich ein paar fesche Damen für die kanarische Spezialität aus der Fischtheke entschieden.

Los Christianos hat feine Fischrestaurants, sie liegen im Zentrum unweit vom Hafen. Im Restaurant Abordo probieren wir kanarischen Cherne, einen ganzen Wrackbarsch. Alles schmeckt wunderbar, der Preis ist salzig: Pro Kilo Fisch im Ganzen werden 36 Euro aufgerufen. Auch die Rosada geht hübsch ins Geld, Beilagen sind extra. Die Bedienung ist exzellent und versteht unsere Wünsche, alle Getränke sind frisch, das Ambiente hübsch – man kann sich so ein Festgelage schon einmal gönnen.

Las Galletas wirkt vergleichsweise wenig touristisch. Die Küste ist naturbelassen. Wenige Surfer tummeln sich zwischen den Felsen. Ein paar Restaurants warten entlang einer malerischen Uferpromenade auf fischhungrige Touristen. Ich wähle ein wenig aufregendes Plätzchen auf der Veranda von einem unscheinbaren Fischrestaurant mit Blick auf den Sonnenuntergang. Der Kellner könnte der Besitzer des Lokals sein. Stolzgeschwellt bringt er uns die Karte. Sie ist in fünf Sprachen verfasst. „Wir möchten gerne frischen kanarischen Fisch essen“ wünschen wir uns. Uns wird die „Fischplatte“ empfohlen. Neugierig betrachten wir, was uns da so vorgesetzt wird.

Auf der Platte liegen zwei sehr kleine gegrillte Fischchen. Dazu ein Stückchen Krake, Muscheln und die berühmten Chocos, die kanarischen Tintenfische. Man bekommt sie in Teneriffa fast überall. Unsere Fischchen sind leider voller Gräten. Etwas mühsam ist es, ihr weißes gegrilltes Fleisch zu filetieren. In Berlin würde man sie wohl eher als Suppenfische verkochen. Einer der Fische schmeckt köstlich, der andere tranig. Die Meeresfrüchte sind aber wunderbar knackig und frisch. Ich habe den Verdacht, die „Fischplatte“ ist ein Angebot für Neuankömmlinge. Hier wird vergrillt, was der Kenner nicht bestellt.

Cherne, die typische kanarische Fischdelikatesse, kennen wir schon aus Los Christianos. Falls frische Exemplare in der Theke liegen, werden wir darauf hingewiesen. Chocos gegrillt sind super – ihr festes Sepia-Fleisch liebe ich. Auch den Papageienfisch kann man getrost bestellen, auf Spanisch Vieja. Seine dicken Gräten kann man nicht übersehen. Wer „Fisch in Salzkruste“ bestellt, bekommt mit großer Wahrscheinlichkeit eine Dorade. Und die sollte man ja lieber nicht essen, meinte unsere Informantin Ingrid …
Der „Fish of the day“ ist meist eine Abenteuerreise. Nicht selten bekommt man eine Schuhsole von Thunfisch. Allgemein gilt: Ein vorab-Blick in die Fischtheke lohnt immer.

Gegrilltes Sama-Filet mit frischer grüner Mojo aus Koriander und Knoblauch. Genossen haben wir ihn im Restaurant Varadero Viejo in Las Galletas.

Bei unserem nächsten Besuch in Las Galletas lernen wir Santiago kennen, kurz Santi. Er ist der Inhaber vom Restaurant Varadero Viejo. Das liegt ein wenig abseits vom Touristenpfad, auf der Hauswand prangt „Cocina canaria“. Santi hat die größten und leckersten regionalen Fische, die wir bisher gesehen haben. Der Fisch des Tages ist Sama, mit herrlich festem weißem Fleisch.
Santi ist geboren in Las Galletas. Er konnte eher fischen als laufen. Später wurde er internationaler Fußballprofi, als Trainer kam er bis in das arabische Katar, um letztendlich seine heimatlichen Netze wiederzufinden. Mit einem Strandbuddy aus seiner Kindheit eröffnete er zwei Fischrestaurants, eines davon in El Medano.
Seine Fische bekommt Santi er von seinem Onkel, auch sein Vetter ist Fischer. Im Restaurant zieren Familienfotos die Wände – Großeltern, Eltern, Kinder … seine ganze Familie ist auf dem Meer groß geworden. Der Fang war größer als der kleine Santi.

Santiago, gebürtig aus Las Galletas, hat sein Restaurant Varadero Viejo mit Familienfotos geschmückt. Hier zeigt er auf eine Aufnahme aus seiner Kindheit – als kleiner Junge war er schon Fischer. Die Fische waren größer als er.

Was er sich wünscht für die Zukunft, frage ich Santi neugierig. „I live day-by-day“ philosophiert er, er nimmt das Leben wie es kommt und über die Zukunft macht er sich keine Gedanken.
Wir werden Fans von Santis Restaurant – seine Servicekräfte sind fit und verständnisvoll, ihr gegrillter Humor würzt unseren Aufenthalt. Alle Speisen sind köstlich, auch die berühmten kanarischen Runzelkartoffeln. Der Kilopreis pro Fisch ist wesentlich günstiger als in Los Christianos. Grüne Mojo aus frisch gehacktem Koriander wird begleitet von geräucherter roter Mojo und Knoblauchmajo. Wein in ordentlichen Regalen kommt aus Teneriffa, auch in bio-Qualität für Kennerinnen wie mich. Besser können wir es uns nicht wünschen, und wir versprechen Santi, bald wiederzukommen.

Die Markthalle

Als wichtigste Quelle für feine bio Lebensmittel auf Teneriffa wird von Gemeinden eine Markthalle zur Verfügung gestellt: Adeje, Arona und El Medano betreiben jeweils einen regionalen Mercado del Agricultor für die Bauern der Region. Der Mercado findet statt an Wochenenden. Direktvermarktung von Waren aus der Gemeinde wird dabei groß geschrieben. Ausgewählte Produzenten bieten ihre eigenen Erzeugnisse an.
Während Markthallen am spanischen Festland manchmal historische Schmuckstücke sind, sehen die Wochenendbauten im Süden wenig romantisch aus. Es sind moderne Mehrzweckhallen, ohne Stuck oder Dekor. Indoor-Stände sind fest gebucht. Parkplatz, Cafeteria und Waschräume begleiten die Infrastruktur.
Neben Waren aus konventionellem Anbau finden sich in den drei Markthallen immer auch bio Lebensmittel. Bio Anbieter sind sichtbar gekennzeichnet, sie haben ihre eigene Verkaufszone. Verkäufer von Biowaren dürfen ihren Stand mit dem grünen Hinweis „Ecologico“ schmücken.

Ich erkundete erst die beliebte Markthalle von Adeje. Sie liegt direkt neben der Autobahn in einem Gewerbegebiet. Hier findet sich eine ganze Reihe mit Bioständen. Die Produzenten machen sich gegenseitig kaum Konkurrenz, jeder Verkäufer bleibt individuell. Manch einer setzt auf Salat und Kräuter, der andere auf Obst und Rüben, der Nachbar hat Melonen und Kürbis. Man kennt sich, manch einer hasst sich, insgesamt kann man hier gut einkaufen. Allerdings sollte man vor zehn Uhr morgens vor Ort sein. Denn sobald die Sonne etwas höher steht, wird es in der Markthalle von Adeje unangenehm voll. Da muss man um so manche reife Mango auch schon mal kämpfen. Gut gefällt mir auch der kleine Stand mit Fleisch von freilaufenden schwarzen Teneriffaschweinen. Da ist nichts bio-zertifiziert, aber das Fleisch hat Power. Mehr als ein kleines Stückchen Kotlett braucht man nicht, um die Kraft der Insel durch seine Adern strömen zu spüren.

El Medanos Markthalle wurde mir von Überwinterern empfohlen. Sie hat vor ihren Toren einen Outdoor-Parkplatz, der meist überfüllt ist. Stände mit Bioware sind im hinteren Bereich der Markthalle aufgebaut. Man bekommt hier ähnliche Produkte wie in Adeje, doch El Medano kann zusätzlich einen Stand für frische Fische bieten.

Schließlich bekam ich einen Geheimtipp: Die jüngste Markthalle der Insel eröffnete im Jahr 2017. Sie liegt in Valle San Lorenzo. Die Gemeinde Arona, zu der auch Los Christianos gehört, wollte gerne ihre eigenen Produzenten fördern. Der Mercado del Agricultor ist ein Musterstück von einer Markthalle! Hier finde ich Biowein, sogar ungeschwefelten Weißwein. Nieves und Antonio verkaufen ihr biologisch-dynamisches Gemüse. Auch Carlos hat einen Stand für vielfältige Südfrüchte. Milchprodukte und Joghurt bekomme ich in Glasflaschen. Fleischwaren gibt es hier bisher noch nicht.

Der hochwertige Mercado del Agricultor in Valle San Lorenzo auf Teneriffa ist komfortabel eingerichtet. Marktleiter Boris lässt Kreativität und Kontakte spielen, um seine Markthalle zur schönsten der Insel zu machen.

In Valle San Lorenzo parken Autos schön kühl indoor. Ein Kinderspielplatz innerhalb der Markthalle erleichtert Eltern das Einkaufen. Und, oh Jubel, die Markthalle hat große blitzsaubere Waschräume.
Man gibt sich große Mühe seitens der Gemeinde, um Kunden am Wochenende in den höher gelegenen Ort Valle San Lorenzo zu locken. Sogar ein eigener Marktbus wurde eingerichtet, er shuttled von Los Christianos durch La Camella und Cabo Blanco bis Valle San Lorenzo. Lohnt die Mühe? Einige Bauern sind skeptisch. Die Markthallen von Adeje und El Medano liegen verkehrstechnisch günstig – direkt neben Abfahren der Autobahn. Sie sind etabliert, die KäuferInnen drängeln nur so durch die Reihen. Ist die entspannte und wenig überfüllte Atmosphäre in Valle San Lorenzo ein Nachteil? Ist sie nicht eher ein Alleinstellungsmerkmal? In aller Ruhe klaube ich bündelweise Kräuter ein am Stand von Nieves, als mir ein anderer Kunde plötzlich eine Schale Rucola in die Hand drückt. Die soll ich probieren, rät er mir. Zoran heißt er, seit einigen Jahren lebt er schon auf Teneriffa. Was ich als Touristin denn hier mache, wundert sich Zoran. Dieser Ort ist eher von Insidern besucht. Ich fühle mich geschmeichelt. Vielleicht bin ich keine Inselinsiderin, doch Biofreak und Gesundheitsscout bin ich sehr wohl. Ganz richtig fühle ich mich hier.

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7 Kommentare
  • Liebe Joanna,
    ich bin kurz vor unserer Reise nach Teneriffa auf Deinen Blog gestossen. Super klasse, jetzt wissen wir auch, wo wir gut Fisch essen gehen und auf welchen Märkten wir Bioprodukte einkaufen können. Wir haben uns in der Nähe von Arona ein kleines Häuschen gemietet und werden uns mehr oder weniger selbst versorgen. Vielen Dank für Deine wertvollen Tipps!
    Liebe Grüße Nana

    • Liebe Nana, am Standort Arona ist der Mercado del Agricultor in Valle San Lorenzo gut gelegen. Jeden Samstag und Sonntag vormittag kannst du feine Bioware bei Nieves Moro kaufen. Du bekommst dort auch Ziegenmilch, Kefir und Joghurt in Glasflaschen von der Queseria Medianito. Die Milch stammt ausschliesslich von regionalen Ziegen.
      Lasst es euch gutgehen! :)

      • Vielen Dank liebe Joanna! Und auch die anderen Märkte lassen wir uns nicht entgehen, besonders den mit der schönsten Aussicht :-)
        Noch 1 Tag arbeiten, dann ist es soweit.
        Liebe Grüße
        Nana

        • Liebe Nana,
          mir bleibt leider nur noch 1 Tag auf Teneriffa. :-(
          Den werde ich nutzen, um die coole Marian auf ihrer Finca in Chio zu besuchen. Sie verkauft auf dem Markt mit der schönsten Aussicht in Teneriffa Süd winzige Aroma-Äpfel, tropische Zuckerbomben und kräftige Paprika.
          Marian ist superöko, sie düngt mit Pferdemist. Allerdings ist sie derzeit noch nicht bio-zertifiziert. Sie hat ihre ehemalige Finca verloren und befindet sich mit dem neuen Land in der Umstellung. Das will ich mir jetzt mal ansehen.
          Richte ihr bitte schöne Grüße von mir aus, wenn du bei ihr einkaufst. :)

  • Liebe Joanna !
    Wunderbar zu lesen. Da ich Dank Dir schon an mancher Stelle mit war, konnte ich einiges schnell zuordnen oder erinnern. Sehr schöne Fotos hast Du gemacht – und unsere Hände habe ich auch erkannt – lach !!!
    Freue mich auch dieses Jahr in Teneriffa. Bis bald und liebe Grüße
    Uschi mit Mutti Siegi

    • Liebe Ursula und Siegi,
      vielen Dank für das freundliche Lob!
      Einiges hat sich verändert seit vergangenem Jahr. Es hat viel zu wenig geregnet. Gleichzeitig ist es im Jahresmittel zu warm. Insekten konnten sich in unerwartetem Ausmaß vermehren. Sie sind über die bio-Felder unserer Freunde hergefallen. Nun ist die Schwefel-Pest ausgebrochen.
      Bio-Farmer dürfen Schwefel gegen Schädlinge einsetzen. Das tun sie reichlich. Einiges bio-Gemüse stinkt! Sogar auf Knoblauch und Karotten findet sich weißlich-gelber Belag. Er wirkt brennend auf der Haut und reizt die Augen.
      Ein Kilo Trauben habe ich weggeworfen, sie waren ungenießbar. Öliges Schwefelzeug wird auf Früchte gesprüht, mit Wasser geht es nicht ab.
      Bisher habe ich nur wenige Äpfel, Mangos, Zitronen, Papaya und Avocados ohne pulvrigen Überzug gefunden, und Salat mit Käfern. Über jedes lebende Krabbeltier auf Grünzeug habe ich gejubelt.
      Bis ihr ankommt habe ich hoffentlich Überzeugungstäter gefunden, die ihre Felder nicht schwefeln. Drück uns die Daumen, dass es Enthusiasten noch gibt auf der Insel.

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