Generation Z im Kaffeehaus

Es war ein sonniger Tag. Tische standen auf dem Bürgersteig vom Kaffeehaus am Eck. Ich suchte mir einen freien Platz, mit Blick auf den Himmel. Neben mir saßen junge Leute.

Über junge Leute schreiben fühlt sich seltsam an für mich. Denn ich fühle mich selber noch sehr jung. Zumindest im Vergleich mit vielen Gleichaltrigen. Doch diese kleine Gruppe war nicht nur jung. Sie war seltsam.

Zwei Frauen und ein Mann, zwanzig Jahre etwa. Um die Jahrtausendwende geboren, soziologisch einsortiert als Generation Z. Ich hingegen bin Generation X. Kein großer Fan bin ich von Schubladen. Es fühlt sich fremd an für mich, ein X zu sein. Natürlich sind viele Gemeinsamkeiten zu finden mit meinen ZeitgenossInnen durch Technologie, Kultur und Medien. Elon Musk ist meine Generation, na ja. Ich gehörte zu den ersten Kindern, für die ein Fernsehgerät selbstverständlich wurde.

Generation Z jedoch ist aufgewachsen mit dem Smartphone.

Da saßen also diese jungen Leute an diesem sonnigen Tag. Sie tratschten lautstark. Ich konnte gar nicht umhin, ihr Gespräch anzuhören, sie waren ganz ungeniert. Worüber unterhielten sie sich?

Psychotrauma. Therapie. Medikamente. Keine Medikamente. ADHS. Abhängigkeit von Ritalin. Selbstmordgefahr. Zu wenig Traumatherapeuten. Missbrauch. Kindesmissbrauch. Selbsthilfegruppen.

Man tauschte sich aus über Erfahrungen mit Psychopharmaka. Wollte ich all das mit anhören? Ich hätte mich zu ihnen setzen können. Mit leuchtenden Augen hätte ich ihnen erzählt von der Heilkraft der Sonne. Von gutem Wasser, von Kräutern und Pilzen, von Mikroorganismen. Aber …

Das Grüppchen saß in einer Bubble. Wahrnehmungsblasen sind es, die Generation Z Menschen umgeben, undurchdringbar, abgeschirmt von aussen. Man kommt da kaum hinein. Deren Wand ist dick und zäh. Sie öffnet sich nicht einfach mal so, nicht ohne Simsalabim, nicht für einen kurzen Kaffeehaus-Plausch.

Ein guter Freund von mir verzweifelt beinahe an der Bubble von seinem Sohn. So lange der online ist in Gaming Groups, kann er reden wie ein Wasserfall – auf Englisch. Doch als sein Cousin zu Besuch war auf Kaffee und Kuchen, bekam er kein Wort mehr heraus. Dabei hat er gar nichts gegen seinen Cousin. Er kommt nicht klar mit echten Menschen in der Wirklichkeit.

Auf Reisen war ich gewesen, als ich auf eine Frau der Generation Z traf, die das W-LAN meines Zimmers mitbenutzte. Allergisch reagierte sie auf fast alles, ganz besonders auf Staub. Jeder Versuch meinerseits, ein freundliches Gespräch zu führen, stieß auf Arroganz. Stets umwehte sie der Unterton du hast keine Ahnung. Jede noch so harmlose Frage wurde verstanden als Angriff auf Überzeugungen, die obrigkeitskompatibel waren ohne eigene Meinung. So und so ist die Welt und nicht anders.

Der Router stand in meinem Schlafzimmer. Ich wollte gut schlafen in der Nacht. Den Strom von meinem Zimmer schaltete ich aus zwischen zehn Uhr Abends und acht Uhr Morgens. Den Ärger können Sie sich nicht vorstellen, der über mich hereinbrach. Beschimpfungen, Mobbing, Stolperfallen vor meiner Türe. Kein W-LAN in der Nacht! Keine Verbindung mehr mit den Sozialkontakten in Australien!

Eigenen Mobilfunk für Soziale Medien wollte Frau Z nicht nutzen. Der hätte Geld gekostet. An die Vermieterin schickte sie verleumderische Beschwerden. Eine Abmahnung folgte mit angedrohtem Rauswurf. Ich berief mich auf meine Rechte. Mein Zimmer, mein Strom, mein Router. Durchsetzen konnte ich mich, doch die Stimmung war verdorben. Noch Monate später blickte ich in ein Gesicht voller Verachtung mit tief hängenden Mundwinkeln, als ich Frau Z zufällig wiedersah im Zug.

Mehr seltsame Begegnungen auf Reisen hatte ich mit anderen Frauen der Generation Z. Putzen? Ich doch nicht! Stattdessen Selbstdarstellung ohne Ende: Schau her, was ich alles kann! Als wäre der Alltag ein Insta-Channel. Jede Handlung wurde zur Pose. Like mich! Elegante Ignoranz wurde abgestraft mit Cliquenbildung – meine Freundin, meine Wahrheit, mein Raum. Mit einem glühenden Rosmarin-Bündel stand Frau Z in der gemeinsamen Wohnküche. Forträuchern wollte sie mich. Ich öffnete das Fenster. Schließlich drohte sie mit der Polizei. Sie störte sich an meinem köchelnden Apfelkompott auf dem Herd.

Ein Generation Z Mann in meiner Nachbarschaft mit Depressionen auf Psychopharmaka hält Tag für Tag den Kopf gebeugt. Er starrt permanent auf Bildschirme. Entweder auf den Laptop oder auf sein Smartphone. Ich machte ein Foto von ihm von der Seite, damit er den Knick sieht in seiner Wirbelsäule. Nie wieder sprach er ein Wort mit mir.

Im Kaffeehaus wollte ich nicht länger bleiben. Die lautstarken Geschichten vom Nebentisch beunruhigten mich. Ich bezahlte 4,50 Euro für meinen doppelten Americano und ging lieber in den Park.

Ich glaube, ein europaweiter Datencrash, der alle Smartphones lahm legt für eine Woche und alle W-LAN Netze gleich mit dazu, würde der Generation Z ganz guttun. Er könnte ein schönes Erlebnis ermöglichen, wie sich das Leben anfühlt ohne Netz. So wie damals, als der Strom ausfiel für mehrere Tage. Wir kochten mit Feuer, machten Licht mit Kerzen, kuschelten und gingen ganz früh ins Bett.

Wie finden Sie die Generation Z? Kommen Sie klar mit Smartphone-Reality, die echte Menschen ausblendet? Bitte hinterlassen Sie einen Kommentar!

Ihre Joanna

Beteiligen Sie sich an der Diskussion!

8 Kommentare
  • Liebe Joanna! Sie schildern eine Begebenheit mit einer (vermutlich) digitalen Nomadin. Sie haben ihre (vermutlich) Lebensgrundlage ausgeschaltet in der Nacht. Erst billiges und schnelles Internet macht Reisen möglich. Sicherlich hätte es eine gütliche Lösung gegeben? Wissenschaftlich ist erwiesen, dass junge Menschen mit Smartphones weniger Empathie aufbringen können. Denn Smartphones lassen Menschen vereinzeln. Hätten nicht Sie die Klügere sein sollen und nachgeben?

    • Liebe Petra,
      danke für ihren freundlichen Kommentar! Sobald Menschen durch Smartphones bzw. soziale Medien Störungen entwickeln und Suchtverhalten, wäre es dann nicht sinnvoll, ihnen die Ursachen ihrer Störungen bewusst zu machen, damit sie einen Ausweg finden?
      Wenn sie mitten in der Nacht Entzugserscheinungen bekommen, hysterische Anfälle und gewalttätig reagieren, weil sie nicht mehr kostenlos mit den Kontakten in Australien chatten können (anstelle zu schlafen), sollte ihnen eigentlich auffallen, dass sie überreagieren? Und sich Hilfe suchen wegen Onlinesucht?
      Ich wäre ja sogar die Klügere gewesen, indem ich anbot, nur das W-LAN auszuschalten in der Nacht und den Router eingeschaltet in den Flur zu stellen. Doch Frau Z war nicht bereit, ein LAN-Kabel um 7 Euro zu besorgen, das man in ihr Zimmer hätte legen können. Ich glaube, sie wusste nicht einmal, was das ist. Sie wollte sich auch nicht dazu belesen. Sie wollte unbedingt erreichen, dass für sie alles so bequem bleibt, wie es ist – gratis High Speed W-LAN rund um die Uhr, mit dem Router neben meinem Bett (nicht neben ihrem). Ob ich damit gesundheitliche Schwierigkeiten bekomme, war ihr einerlei. Insoferne habe ich mich durchgesetzt mit der gesünderen Variante und habe damit auch kein schlechtes Gewissen.
      Sollten für psychische, soziale oder neurologische Störungen durch Smartphone-Konsum nicht besser die Hersteller verantwortlich gemacht werden?
      Ihre Joanna

  • Die mit dem Räucherbündel könnte meine Tochter sein. VEGAN muss ich essen. Die hat da so ein Guru, eh ein Österreicher. Hafermilch trinke ich ab und zu. Aber es nervt. Veganes EI in Plastik. Was da drinne ist will ich gar net wissen.

    • Liebe Frau Kleine, Sie haben Recht, mich nervt das auch. Sehr gerne esse ich vegan. Dann aber frisch, regional, bio und natürlich. Vegane Ersatzprodukte sind Marketing-Mechanismen der Lebensmittelindustrie. Kaufe ich nie. Lehne ich ab.

    • Hallo Barbara ich weis wen du meinst. Habe auch so eine Tochter. Als ob im Tier der Teufel steckte. Mein Mann und ich wir haben die Schnauze restlos gestrichen voll.

    • Liebe Manu, von tierischen Produkten aus industrieller Massentierhaltung nehme auch ich Abstand. Da steckt tatsächlich, wie du schreibst, “der Teufel drin”. Denn die Gefüle von gequälten, angeketteten, vergewaltigten und zu Tode geängstigten Tieren sind verkörpert durch Hormone im Fleisch. Wenn du aber Tiere isst, die wesensgerecht leben und Teil sind von gesunder Natur, überträgt sich die Natur auch auf dich. Der Teufel steckt in der industriellen Ausbeutung, glaube ich. Nicht im Tier.

  • Die Freundin von meinem Sohn ist zwanzig Jahre älter als er. Mit Mädls aus der Generation Z wie du sie nennst kommt er nicht klar. Ganau wie du beschreibst. Pose, Pose, Pose. Seine letzte Freundin musste er andauernd fotografieren. Das uferte dermaßen aus daß er sich getrennt hat.

    • Liebe Tanja, mir fallen spontan mindestens fünf gutverdienende sehr junge Power-Couples ein. Er fotografiert und programmiert, sie posed und posted. Ist ein Geschäftsmodell geworden …

Chromosome
Neueste Kommentare
  1. Lieber Stan, ja, die Geschichte kenne ich. Danke für Ihren Beitrag. Hier ist ein Artikel in englischer Sprache über das…

  2. Liebe Petra, danke für ihren freundlichen Kommentar! Sobald Menschen durch Smartphones bzw. soziale Medien Störungen entwickeln und Suchtverhalten, wäre es…

  3. Liebe Joanna! Sie schildern eine Begebenheit mit einer (vermutlich) digitalen Nomadin. Sie haben ihre (vermutlich) Lebensgrundlage ausgeschaltet in der Nacht.…

  4. Ich bin sicher dass Sie kennen die Geschichte mit dem Ei? Als Convenience Produkte in den USA bekannt geworden siend…

  5. Lieber Carlo, das freut mich. MCT Öl macht ab und zu einen gefährlichen Eindruck, besonders am Anfang der Einnahme. Weniger…

  6. Danke, danke, danke! Dachte schon, ich muss zum Proktologen... Hatte Blut auf dem Papier. Ist aber normal am Anfang. Jetzt…

  7. Ich kann auch etwaws beitragen zur Pilz-Suche! Trüffeln! In der Thüringen-Halle hatte es ein Vortrag über Trüffeln. Wie man sie…

  8. Liebe Joanna, Vielen Dank für deine Arbeit 🙌🏼 Ist Lithium gleich Lithium oder gibt es wichtige Unterschiede zu beachten? Ich…

  9. Sie rücken unsere guten, alten Pilze ins Rampenlicht! Vielen Dank dafür. Wussten Sie daß schon vor 5300 Jahren der Ötzi…