Milch ohne Tierleid

Muttergebundene Kälberaufzucht für bessere Milch

Kurzversion:

Wer Milch trinkt, tötet Kälbchen. Nicht nur für überzeugte Vegetarier wird Milchverzehr zum ethischen Problem. Geht es auch anders?

Vegetarier sind Sie, aus ethischen Gründen? Ich kann Sie gut verstehen. Kein Lebewesen soll leiden für Ihr Essen. Das finde ich auch.
Dann dürfen Sie aber auch keine Milch mehr trinken.

Lacto-Vegetarier können Sie gern sein, wenn Sie Fleisch nicht gut vertragen. Oder wenn Fleisch Ihnen nicht schmeckt. Aber seien Sie nicht milchtrinkender Vegetarier, um Tierleid zu vermeiden. Die Schmerzen, die Sie durch den Kauf von Milchprodukten verursachen, sind für Lebewesen schlimmer, als der Tod.
Sobald Sie Milchprodukte kaufen, töten Sie Kälbchen. Jeder Liter Milch, den Sie trinken, kommt von einer traurigen Mutter. Milchkühe werden künstlich befruchtet. Mit Sperma aus dem Katalog. Nach der Geburt wird der Mutterkuh das Kälbchen weggenommen. Schlimmstenfalls wird das Kälbchen eingepfercht in stinkenden Ställen ein paar Monate mit künstlicher Antibiotika-Milch gepäppelt, um als Kalbfleisch am Dönerspieß zu enden.

So ist es richtig: Die hofeigene Demeter-Kälbchenclique vom Schacherbauerhof kuschelt verspielt im Stroh. Deren Mütter genießen die frische Luft, die Kälbchen können jederzeit durch eine halboffene Schleuse zu ihnen kommen.

Wenn ich Kalbfleisch esse, ermögliche ich einem Kälbchen ein etwas längeres Leben. Gäbe es Menschen wie mich nicht, neugeborene Kälbchen von Milchkühen, die sich nicht zur Aufzucht eignen, würden im Müll enden. Bullenkälber beispielsweise. Sie können nicht die Nachfolge von verbrauchten Milchkühen antreten.

Anlass für diesen Artikel sind Gespräche, die ich mit FreundInnen geführt habe, Stadtmenschen aus Berlin. Aufgewachsen in Spandau, Treptow oder Reinickendorf. Ihnen ist das Problem mit dem Kälbchen nicht klar. Sie wuchsen auf in einem Umfeld, aus dem der Tod verdrängt ist. Natürliches Zusammenleben von Menschen und Tieren kennen sie nicht. Milch kommt aus dem Päckchen.

Sebastian zum Beispiel. Seine Ausstrahlung ist sanft wie ein Schmetterling auf Balkongeranien. Hühnersuppe gegen Erkältung will er nicht trinken. Er möchte keinem Tier das Leben nehmen. Milchprodukte konsumiert er aber schon. Die will er sich auf keinen Fall wegnehmen lassen.

Sebastian, was ist mit den Kälbchen? Ja, was ist mit den Kälbchen? Kälbchen sterben nicht für seine Milch, glaubt er, sondern für mein Fleisch.

Oder meine Freundin Uschi. Sie kennt die Welt, sie kennt das deutsche Land. Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden, findet sie. Doch auch sie als Vegetarierin ist überzeugt, Kälbchen würden länger leben, würde es keine Fleischesser geben.

Wie kommst du auf die Idee, Uschi? Das Fleisch des jährlich anwachsenden Kälbchenbergs von Milchkühen muss irgendwie verbraucht werden. Was soll man in Deutschland anfangen mit vier Millionen neuen Rindern pro Jahr? Würde es nicht die vielen Dönerspieße geben, deine Kälbchen würden nach der Geburt zu Mehl verarbeitet! So wie Bruderküken.

Ich bin ein glückliches Kalb vom Schacherbauerhof. Meine Mama sorgt für mich. Papa Leopold ist auch für mich da. Ich lerne gutes Benehmen als Kuh von meiner Familie. Leider geht es anderen Kälbern nicht so gut wie mir.

Anna hat in einem Fernsehbericht eine Dokumentation über Stutenmilch gesehen. Ganz aufgebracht war sie. Den ganzen Tag sind die Stuten eingesperrt! Nach der Geburt nimmt man ihnen die Fohlen weg! Niemals würde sie so eine Milch kaufen, schimpft sie. Grimmig schüttet sie einen großen Schluck Kuhmilch in ihren Kaffee, aus dem Kühlregal von Penny.

Mein bester Freund Roland will kein Fleisch von jungen Tieren essen. Sie sollen wenigstens die Kindheit erleben dürfen, findet er.
Wenn du Milch trinkst, tötest du Kälbchen.
Ich wundere mich über sein Entsetzen. Er will es nicht wahrhaben. Diese Schuld will Roland nicht auf seine Schultern laden.

Roland: NEIN! Ich töte keine Kälbchen, wenn ich eine Flasche Milch kaufe! Ich gehe in den Supermarkt und kaufe eine Flasche Milch. Nirgends steht, dass dafür ein Kälbchen sterben muss!
Ich: Es IST aber so!
Roland: NEIN! Das darf nicht so sein! Die Kälbchen müssen von der Kuh aufgezogen werden!!
Ich: Sag das den Milchproduzenten! Milchkühe werden überzüchtet, damit sie viel Milch geben. Kälbchen, die Muttermilch trinken, verbrauchen zu viel von ihrem Produkt. Das ist nicht im Interesse der Milchindustrie.
Roland: Sollen sich die Politiker um die Scheisse kümmern. Wieso ist das meine Aufgabe?
Ich: Wählst du die Tierschutzpartei?
Roland: Die sitzen nicht im Parlament.
Ich: Kauf den Milchindustrie-Müll nicht mehr! So übst du Macht auf den Markt aus.
Roland: Ich habe gar keine Macht.
Ich: Sag es weiter. Erzähl es deinen Mitmenschen. Kauf frische Milch bei Bauern, die muttergebundene Kälberaufzucht betreiben!
Roland: Wie soll ich die finden? Ich habe keine Zeit. Ich arbeite den ganzen Tag!
Ich: Deine Bioladen-Kundenkarte hilft dir da gar nichts. Kauf keine Milchprodukte im Supermarkt! Pasteurisierte und homogenisierte Milch ist eh ungesund. Oder sei dir bewusst, dass dafür Kälbchen sterben.
Roland (empört): Die sollen Bilder von toten Kälbchen auf die Milchflaschen drucken!!

Ich möchte meinen Freunden gerne helfen, gute Milchprodukte zu kaufen. Von glücklichen Mutterkühen mit gesundem Nachwuchs. Wo findet man so etwas? Nicht einmal die Demeter zertifizierten Biobauern auf dem ältesten Ökomarkt Berlins betreiben muttergebundene Kälbchenaufzucht. Die Kälber bekommen die Biestmilch der Mutter fünf Tage lang. Danach werden sie getrennt von der Mutter mit der Flasche aufgezogen.

Tierleid durch Milchproduktion spricht sich immer mehr herum. Insbesondere jüngere Generationen stellen ihre Milchhöfe um auf gewaltfreie Kälberaufzucht. Eine Hofliste mit Mutter- oder Ammengebundener Kälberaufzucht hat die Welttierschutzgesellschaft veröffentlicht. Hier habe ich Georg Stadler entdeckt.

Georg Stadler vom Schacherbauerhof hat für seine Kälbchen einen geschützten Laufstall gebaut. Seitlich bleibt er immer offen. die Kälbchen kuscheln gemütlich im Stroh, während Stier Leopold mit Mutterkühen im Freien tobt.

Kürzlich besuchte ich den Demeter zertifizierten Schacherbauerhof für Sie, unweit Burghausen an der österreichischen Grenze. Georg Stadler ist hier aufgewachsen, er kennt den Umang mit Tieren, seit er denken kann. Die Kühe haben Hörner, ihr Stall ist gefüllt mit Stroh. Das Futter kommt von den eigenen Wiesen. Schon vor zwanzig Jahren hat Georg Stadler umgestellt auf höfische Kälberaufzucht mit Bindung an Mutter oder Amme.
Die kerngesunden Kälbchen bleiben fünf Tage bei der Mutter. Wenn diese ausgeprägte mütterliche Qualitäten hat, bekommt sie weitere Kälbchen zur Aufzucht. Sie wird nicht gemolken, sondern kann sich ganz der Erziehung der Familie widmen. Stier Leopold leistet den Kälbchengärtnerinnen gerne Gesellschaft. Der Nachwuchs bleibt auf dem Hof, für Milchnachwuchs oder als Ochse. Nur ein kleiner Teil der Kälber kommt zum Metzger, als Osterbraten. Im hofeigenen Laden werden Käse verkauft und Kalbfleisch, sofern es welches gibt.

Vater, Mutter, Kälbchen. Stier Leopold verbringt seine Zeit gemütlich mit Kuhmüttern, umgeben von Nachwuchs.

Ab Hof kann ich Rohmilch kaufen von Georg Stadler. Er hat einen kleinen Zapfhahn halböffentlich freigegeben für private Milchkäufer, daneben steht eine Sparbüchse. Ein Euro kostet der Liter vor Ort. Seine Milch verkauft er an die Milchwerke Berchtesgadener Land. Sie fließt ein in den Milchpool zahlreicher weiterer Milchbauern. So vermischt, erkennt man als Konsument nicht mehr, ob die Milch ohne Tierleid gewonnen wurde.
Ich frage Georg Stadler, ob es nicht eine gute Idee wäre, sich zusammen zu tun mit Gleichgesinnten. Man könnte ein Label herausbringen mit dem Milchversprechen gewaltfrei. Er ist skeptisch. Ich glaube, Herr Stadler möchte seine Kollegen nicht diskriminieren, die ihre Kälber weggeben. Immerhin hat er ein Umdenken bemerkt, auch bei seinem Nachbarn. Der hatte keine Lust mehr auf Kuhhandel, als er vom qualvollen Tod eines seiner Kälber erfuhr. Es war elendiglich verendet auf einem Transport durch Europa.

Gewaltfreie Milch im Handel

Erfinden braucht man ein Label für gewaltfreie Milch übrigens nicht. Das gibt es nämlich schon. Demeter Milchbauern haben sich zusammen geschlossen im Zeit-zu-Zweit für Kuh + Kalb Siegel. Die Organisation ProVieh hat es als eigene Marke entworfen. Ein Kuh + Kalb Siegel dürfen nur Höfe tragen, die ihre Kälber bei der Mutter oder einer Amme aufwachsen lassen. Leider finden sich Kuh + Kalb Milchprodukte bisher kaum in Bioläden, jedenfalls nicht in Berlin.
Gewaltfreie Milch kann Roland in Berlin vom Hof Stolze Kuh bekommen – unweit von Angermünde gelegen, liefert man wesensgerechte Demeter Milch nach Berlin. Auch online bestellen kann Roland hier. Der Preis von 2,80 Euro pro Liter Demeter Heumilch kommt ohne Liefergebühren, allerdings müsste Roland dreiundsechzig Liter Milch bestellen, um auf den Mindestbestellwert zu kommen.
In einem weiteren Onlineshop für Milch ohne Tierquälerei findet sich Jahreszeiten Milch. Sie wird produziert von drei Bauern der solidarischen Landwirtschaft, unweit von Hamburg. Muttergebundene Kälbchenaufzucht, schonend pasteurisierte, nicht homogenisierte Bioland Milch, für zwei Euro pro Liter. Zusätzlich gibt es Joghurt und Quark. Um den Mindestbestellwert zu erreichen, muss man 13 Liter Milch bestellen. Dazu kommen 10 Euro Versand und Steuer. Ein Liter gewaltfreie Milch online bestellt, kommt auf 3,60 pro Liter.

Info über Milch ohne Tierleid

Der Verein Agricultura aus der Schweiz macht sich stark für wesensgerechte Tierhaltung. Hier findet sich auch ein Artikel von Anja Hradetzky vom Hof Stolze Kuh über stressarmes Absetzen neben zahlreichen Porträts von Höfen mit wesensgerechter Tierhaltung.

Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL hat einen Youtube Kanal für Dokumentarfilme, auch über wesensgerechte Kuhhaltung mit Porträts der Höfe.

Hof Stolze Kuh, D

Anja und Janusz Hradetzky sind Gründer vom Hof Stolze Kuh in Stolzenhagen unweit von Angermünde. Liebevoll kümmert sich Anja um ihre Tiere, damit es keinen Trennungsschmerz gibt. Nicht nur artgerechte Tierhaltung betreiben sie, sondern wesensgerechte.

Brüederhof, CH

Im Brüederhof werden alle Kälber bei der Mutter aufgezogen. Die Familie Kessens achtet auf gesunde Tiere ohne Trennungsschmerz, indem die Kälbchen hundert Tage lang zweimal täglich bei der Mutter eine Stunde lang trinken können.

Familie Huber, BE

In einem Youtube Video zeigen Heiderose und Till Huber, wie sie ihre Kälbchen mit der Mutter aufwachsen lassen.

Hofgut Rengoldshausen, D

Muttergebundene Kälberaufzucht – Mechthild Knösel zeigt in einem Video, wie es richtig geht.

Heumlich Hof Fischer, D

Eine Kuh ist auch eine Mama. Monika Fischer und ihr Mann Josef kümmern sich um ungestörte Mutterbindung zwischen Kuh und Kalb.

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