Wie Elektrotherapie Demenz heilen kann

Strom anstelle von aktiver Bewegung bei Bettlägerigkeit hilft

Nach einem Unfall und mehreren Operationen war meine Mutter sehr schwach geworden. Ihre Muskeln hatten sich zurückgebildet. Medikamente hatten ihre Biochemie durcheinander gebracht, nicht nur in ihrem Kopf. Meine Mutter lag Tag für Tag im Bett von einem Pflegeheim. Tagsüber wurde sie vom Pflegepersonal manchmal in den Rollstuhl gesetzt. Doch aufstehen konnte sie nicht mehr. Wenn sie mit Unterstützung auf die Füße gestellt wurde, konnte sie bestenfalls ein paar Schrittchen machen.

Ihr Kopf konnte neue Erinnerungen nicht mehr gut speichern. Erlebtes vom Vortag hatte meine Mutter meistens schnell wieder vergessen. Ein Gutachter orakelte ein „demenzielles Abbausyndrom“ herbei, kein Wunder bei dem Bewegungsmangel. Alle Funktionen ihres Körpers ließen nach bei meiner Mutter, nicht nur das Gehirn.

Ich bemühte mich, meiner Mutter Elektrotherapie im Pflegeheim zu ermöglichen. Dazu schickte ich ihr einen Facharzt für physikalische Rehabilitation ins Pflegezimmer, der sie privat untersuchte. Er verordnete ihr ein Therapiegerät und verschrieb Physiotherapie. Eine Therapeutin wurde von ihm angeleitet in der Bedienung des Geräts. Leider bekam meine Mutter trotzdem keine Therapie – obwohl diese größtenteils von ihrer Kasse getragen gewesen wäre. Denn die Ärzte, welche zuständig waren im Pflegeheim, hielten die Elektrotherapie für überflüssig. Meine Mutter hatte wegen ihrer Gehirnleistungsstörung leider eine sogenannte „Erwachsenenvertretung“ aufgebrummt bekommen, die ihre ärztliche Versorgung bestimmte. Die zuständige Juristin ließ das Therapiegerät zurückschicken und untersagte der Therapeutin die Therapie. Es war zum Verzweifeln.

Mir blieb nichts anderes übrig, als meiner Mutter selbst die Therapie zu verabreichen. Ich organisierte eine Wohnung in der Nähe des Heims. Der Facharzt für physikalische Rehabilitation gab mir eine neue Verordnung für das Elektrotherapiegerät. Ich ließ mich von ihm darauf einschulen in Heimtherapie. Die Bedienung war kinderleicht. Ich holte das Elektrotherapiegerät ab in einem medizinischen Zentrum als portables therapeutisches Miet-Hilfsmittel mit Zubehör im Köfferchen mit Trageriemen.

Fortan ging ich täglich ins Pflegeheim, um den Körper meiner Mutter morgens und abends mithilfe von Strom zu kräftigen. Ich legte ihr im Bett Elektroden an, schaltete das voreingestellte Programm ein am Therapiegerät. Unter sanften Bewegungen in liegender Position ließ der Strom die Muskulatur meiner Mutter wieder anspringen.

Die Effekte waren sensationell. Nach nur drei Wochen konnte meine Mutter aufstehen und gehen. Nach sechs Wochen konnte sie problemlos Treppen steigen, mehrere Stockwerke hinauf und hinunter. Drei Monate später brauchten wir keinen Rollstuhl mehr, auch nicht für längere Strecken. Die demenzielle Störung, die sie seit ihrem Unfall gequält hatte, klag zunehmend ab. Ihr Bluthochdruck normalisierte sich, die Stimmung stieg. Ihr Herz schlug stark und regelmäßig. Meine Mutter wurde fröhlich und unternehmungslustig, dank Strom. Schließlich konnte sie schon wieder so gut gehen, schwimmen und sogar ein bisschen tanzen, dass wir gemeinsam Aquadance Kurse besuchten. Auch in einem QiGong Kurs meldete ich meine Mutter an. Ihr ganzer Körper regenerierte sich – und zwar auch an den Körperstellen, die gar nicht direkt angesteuert wurden vom Strom.

Wie funktioniert das? Wie kann sich der ganze Körper erholen durch elektrische Stimulation der Muskeln, auch ohne eigene bewusste Bewegung? Die Wissenschaft hat festgestellt, elektrischer Strom stärkt die Muskulatur in einer Weise, als würde man selbst aktiv Sport machen. Bewegung reguliert alles im Körper, von der embryonalen Entwicklung an. Würden sich Babys im Mutterleib nicht bewegen können, könnten sie nicht richtig wachsen. Bis zum Tod wird das Gehirn gebaut und gestärkt durch Bewegung. Das liegt an der Neuroplastizität von unserem Gehirn. Denn Nervenzellen wachsen lebenslang.

Durch Bewegung werden Hormone und Neurotransmitter gesteuert. Glückshormone werden ausgeschüttet. Der Blutdruck wird reguliert. Die Atmung wird gefördert. Der Verdauungsvorgang wird unterstützt. Das Herz wird gestärkt. Jedes Organ kann man mit gezielter Bewegung positiv unterstützen – oder auch schwächen durch Bewegungsmangel. Wenn man sich nun nicht mehr selbst bewegen kann, so kann der Strom aus dem Elektrotherapiegerät die Effekte von natürlicher Bewegung nachbauen.

Schon dreißig Minuten Strom pro Tag sind ausreichend, um die Muskulatur anzuregen, Myokine auszuschütten. Myokine sind Botenstoffe, die entzündungshemmend wirken und das Immunsystem regulieren. Sie steuern Blutzucker und Cholesterin. Mykine unterstützen auch die insulinabhängige Glukoseverwertung – diese ist ein wichtiger Faktor für ein gut funktionierendes Gehirn. Immer mehr Zusammenhänge werden bewiesen zwischen Glukose-Intoleranz der Nervenzellen und Demenz. Deshalb kann man Demenz signifikant bessern durch Bewegung.

Meine Mutter hat der tägliche Strom nicht gestört. Im Gegenteil, sie hat unsere gemeinsamen Therapieeinheiten sogar genossen. Wenn wir große Muskelgruppen im Bett sanft stimulierten, las sie gemütlich Zeitung. Ich würde es jederzeit wieder so machen. Aus meiner Perspektive als pflegende Familienangehörige kann ich Elektrotherapie für bettlägerige Menschen wärmstens empfehlen.

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